Religionen als Sinnstifter?

Markus Arch

Markus Arch

Von Markus Arch. Jeder Mensch braucht einen Sinn, den er seiner Existenz verleihen kann um einigermaßen glücklich zu werden. Vielen Menschen scheinen nach wie vor große, abstrakte Denkgebäude wie Religionen Garant für ebendies zu sein. Tatsächlich können sie, geht man von Einzelpersonen aus, eine positive, da erfüllende Funktion besitzen. Nicht aus Zufall wenden sich kürzlich Inhaftierte oder Schwerstkranke oft an Götter. Objektiv und gesellschaftlich- historisch betrachtet mögen sie jegliche Legitimation verloren haben, aber als “letzter Strohhalm” taugen sie dennoch ganz gut.

Der Sinn des Lebens kann aber trotzdem, entgegen den Versprechungen von Priestern, Imamen, Gurus usw. nicht außerhalb des Lebens positioniert sein. Anders ausgedrückt: In einer uns nicht vorstellbaren jenseitigen Welt oder einem metaphysischen Wesen kann er allein schon deswegen nicht bestehen, da dies Objekte sind über die wir uns keine Vorstellung machen können…eine Tatsache, die auch religiöse Oberhäupter wie z.B. der Papst mal bedenken sollten.

Dies liegt daran, dass Sinn immer kontextabhängig ist, also außerhalb unserer biologisch sowie soziokulturell eingeschränkten Sichtweisen kann Sinn gar nicht existieren. Sinn ist stets subjektiv verhaftet und von vielen Faktoren abhängig. Stellen Sie sich vor, sie sind ein gläubiger, vatikantreuer Katholik und sehen den Sinn Ihrer Existenz darin, nach den Regeln der kath. Kirche zu leben und somit letztendlich im Paradies Ihren Platz bei Gott einzunehmen. Dies mag für Sie in dieser Situation als allgemein (objektiv) gültig erscheinen, doch jetzt stellen Sie sich vor, sie wären in einen haitianischen Voodoo-Kult hineingeboren worden: würde da der Sinn Ihres Lebens, der ja so objektiv erscheint, nicht ein ganz anderer sein?

Sinn ist auch in der Art und Weise kontextabhängig, dass wir evolutionär bedingt so programmiert sind, dass wir stets nach Zusammenhängen suchen. Dies kann auch dazuführen dass wir welche sehen, wo eigentlich gar keine existieren. Beispiel: ein exotischer Guru wird felsenfest davon überzeugt sein, dass es immer am nächsten Tag regnet, wenn er zu Mitternacht eine Ziege opfert. Zumindest, wenn er dies ein- zweimal getan und es danach tatsächlich geregnet hat. Der Zusammenhang zwischen dem Ziegenopfer und dem Regen mag noch so großer Unfug sein, er wird trotzdem davon überzeugt sein. Und falls es nicht regnen sollte, so hat dies andere Gründe, aber die Sinnhaftigkeit des Ziegenschlachtens wird kaum in Frage gestellt werden.

Wir können auch, mit den Worten Schmidt-Salomons, keinerlei Aussagen über den Sinn an sich, sondern nur über den Sinn für uns treffen. Dinge die unabhängig von uns existieren beinhalten ja, dass wir keine Ahnung von deren Existenz haben oder aber dass wir sie objektiv fassen könnten, wozu wir aber nicht fähig sind. Ein Eingeborener im Regenwald wird kein Interesse an uns so essentiellen Dingen wie Handys oder Internet haben, in seiner Welt existieren diese Dinge nicht, da er sie nicht kennt. Und falls er sie doch kennt, so wird er sich ohnehin keinen Reim darauf machen können, da sie ihm so fremdartig anmuten würden und er sie ohnehin nicht braucht.

Natürlich gibt es dennoch Dinge, über die wir angeblich keine Aussagen treffen können, die es aber trotzdem geben soll, so wie Gott. Da es aber keinerlei Hinweise auf dessen Existenz gibt, weder im streng konservativen Verständnis vom dreieinigen Gott noch im lockeren Verständnis als irgendeine transzendentale Macht, wäre es nicht zielführend sein Leben auf eine jenseitige Welt bzw. Macht auszurichten. Es wäre sogar absurd und einengend.

Da das Hinarbeiten auf ein Leben nach dem Tod sowie die Einhaltung religiöser Vorschriften doch in den allermeisten Fällen mit dem Verlust persönlicher Freiheiten einhergeht und da es keinen objektiven, alles vereinnahmenden Sinn geben kann, sollte man sich fragen, ob man wirklich sein Leben darauf ausrichten möchte.

Klarerweise kann individueller Sinn trotzdem in Religionen gefunden werden und die Menschen glücklich machen. Dies ist etwas, dass ich als “sinnlosen Sinn” bezeichnen möchte. “Sinnvoller Sinn” wäre, die subjektiven Taten irgendwie mit den objektiven Tatsachen zu vereinen, was in Glaubensfragen schon mal nicht möglich ist. Sein Leben nach Gott auszurichten mit gleichzeitiger bedrückender Beweislage gegen ihn mag möglich sein, aber letzten Endes ist es absurd.

Eine Möglichkeit, objektiv beobachtbare bzw. empirisch überprüfbare Tatsachen mit subjektiver Sinngebung zu verknüpfen wäre, die deutlichen Vorteile im Überlebenskampf, welche uns unsere Gefühle für Altruismus und unser Mitleidsvermögen beschert haben, herzunehmen und in das eigene Weltbild zu integrieren. Somit ließe sich eine Ethik ganz ohne religiöse Gebote und Verbote aufbauen. Klarerweise müssten dabei die alten Vorstellungen von Sünde, Schuld usw. überdacht werden, allerdings bietet dies den Vorteil, den eigenen Lebenssinn mit der Welt um sich herum in Einklang bringen zu können.

Dass wir uns gut fühlen, wenn wir anderen helfen bzw. Leid auf der Welt mindern hat ebenfalls evolutionäre Gründe. Wäre der Mensch ein egoistischer Einzelgänger ohne Rücksicht auf Verluste gewesen, hätte er wohl kaum so erfolgreich sein können. Dabei ist es letztlich wie beim Sex: dieser macht uns Spaß, da er unser Überleben sichert, worum es bei der Evolution nunmal vorrangig geht.

Es mag also durchaus Sinn ergeben, dass Menschen in Religionen Halt finden. Dies hat aber oft mit nicht zu Ende gedachten Gedanken sowie einem (religiös?) verzerrten Weltbild zu tun. Ohnehin ist es seltsam, dass eine jahrtausende alte Hirtenreligion bzw. deren Ableger (Judentum, Christentum, Islam) aus einem Grenzgebiet der damaligen Welt Antworten liefern sollen auf uns heute betreffende Fragen. Allein diese Tatsache sollte einem doch zu denken geben beim Finden des eigenen Lebenssinns.

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