Der machtlose Gott

Markus Arch

Markus Arch

Von Markus Arch. Alle Religionen, nicht nur die monotheistischen, gehen von der Existenz eines oder mehrerer transzendentaler Objekte aus, welche für uns aufgrund unserer allzumenschlichen Beschränktheiten nicht unmitelbar erkennbar sind.

Bei den abrahamitischen Religionen (Christentum, Judentum, Islam) handelt es sich dabei um einen personifizierten (evtl. dreiteiligen) Gott, der Hinduismus ist eine polytheistische Religion und die Buddhisten glauben immerhin an das Nirwana, was zwar nicht als klassischer Theismus bezeichnet werden kann, aber übernatürliche Jenseitsvorstellungen sind auch hier im Spiel.

Im heutigen Mitteleuropa herrscht eine weichgespülte Variante des Christentums vor, welche mit der Religion an sich kaum mehr etwas zu tun hat. Dies verdanken wir vor allem der Aufklärungsbewegung und im weiteren Sinne der Renaissance, in der alte, teils auch heidnische Texte wiederentdeckt wurden, was auch zur Wiederentdeckung der antiken (vor allem griechischen) Philosophie geführt hat. Diese Tatsache lenkt uns als Mitteleuropäer davon ab, dass weltweit betrachtet religiöser Fundamentalismus (auch in christlichen Kreisen) wieder an Macht gewinnt.

Die evangelikalen Bewegungen in Deutschland oder auch die jüngst stattgefundene unsägliche Anerkennung der Zeugen Jehovas als Religionsgemeinschaft in Österreich sind Indizien dafür, dass blinder Dogmatismus und falsche Toleranz bzgl. “religiöser Gefühle” auch hier immer noch höher gewertet werden als rational- kritisches Handeln und Denken, mal ganz abgesehen von der Unvereinbarkeit dogmatischer Glaubensgrundsätze mit Werten wie den Menschenrechten und anderen verfassungsmäßig geschützten Errungenschaften unserer Zivilisation.

Jedenfalls glauben selbst Menschen, die sich als Christen bezeichnen würden, hierzulande immer seltener an den personifizierten Gott der Kirche(n). Momentan ist der Trend hin zu einer Gottesvorstellung als unbestimmbares, über uns schwebendes Irgendwas zu beobachten. Dabei stellen sich mir zwei grundsätzliche Fragen:

1. Warum sich noch Christ nennen, wenn man nicht mehr an die essenziellsten Grundsätze des Christentums glaubt?

Hierbei haben sich der ehemalige Papst Johannes Paul II. und der damalige Kardinal Ratzinger selbst ins Bein geschossen, als sie die alte Vorstellung von der Hölle als Platz ewigen Feuers und unsagbarer Qualen verabschiedeten und daraus einen “Ort in größtmöglicher Entfernung zu Gott” machten, was auch immer dies bedeuten soll. Ohne Teufel und Hölle ist das ganze christliche Glaubenskonstrukt obsolet geworden, die Unterwerfung unter den einen wahren Gott und die Einhaltung von Vorschriften, die der menschlichen Natur im höchsten Maße zuwiderlaufen, werden sich ohne eine effektive jenseitige Strafandrohung in Zukunft wohl noch schwerer verwirklichen lassen.

Schmidt- Salomon verglich in diesem Zusammenhang einmal das Christentum ohne Hölle mit Cola Light, also mit zuckerfreiem Cola.

Die Abschaffung der traditionellen Hölle fand im europäischen Bewusstsein ja schon vor längerem statt, die kath. Kirche hat lediglich drauf reagieren müssen. Interessant ist nun, dass der Opfertod Jesu ohne Hölle doch vollkommen sinnlos geworden ist. Ohnehin ist es sinnlos sich als Christ zu bezeichnen ohne den christlichen Glauben zu teilen, niemand würde sich schließlich Marxist nennen wenn er die Philosophie von Marx nicht teilt. Wobei ohnehin zu bezweifeln ist ob die Christen hierzulande ihre Glaubensgrundlage, die Bibel, überhaupt je gelesen haben.

Natürlich könnte man nun entgegnen, Gott lasse sich nicht fassen und wir können seine Wege ohnehin nicht verstehen, was zu einer Immunisierung gegen Kritik führt. Diese Taktik ist zwar unhaltbar, da subjektive Überzeugungen objektiv überprüfbare Fakten in einer Diskussion nicht aufwiegen können, wird aber trotzdem gerne verwendet.

Der seit Jahrhunderten gepredigte Gott inklusive dem Himmel und Hölle- Prinzip verliert also seine Anhänger, viele ändern ihren Glauben hin zu einem allumfassenden Irgendwas ab, dass überall ist und allem innewohnt. Was mich zur zweiten Frage führt:

2. Warum soll ich so einen Gott noch ernst nehmen?

Ein Gott, der gleichzeitig überall ist und allem innewohnt, ist somit nirgends und in gar nichts. Er ist in Kirchen, in Moscheen und in Synagogen genauso beheimatet wie in Bordellen, Satanskulten und philosophischen Debattierclubs. Er ist in jeder Blume zu finden, und auch in der Kugel, die jüngst Osama Bin Laden niedergestreckt hat. Er ist in Mitgliedern der “Ärzte ohne Grenzen” genauso wie in einem Vater, der gerade seine minderjährige Tochter vergewaltigt.

Da er überall und nirgends ist, lässt sich auf solch einem Gott auch keine Religion gründen. Religionen leben schließlich von Geboten und Verboten, aufbauend auf einem wie auch immer gearteten Gott bzw. Göttern als gesetzgebenden Instanzen. Da Gott laut diesem modernen Verständnis aber in einem Amokläufer genauso ist wie im Papst oder in Friedensaktivisten, lässt sich aus ihm nichts Brauchbares ableiten, wonach man sein Leben ausrichten könne. Er beeinflusst uns in keinster Weise und bietet keinerlei Grundlagen für moralisch-ethsiche Verhaltensweisen, weswegen er uns auch genausogut egal sein kann.

Möglicherweise hat er ja irgendwann das Universum in Gang gesetzt, dass auch uns Menschen hervorgebracht hat und sich seitdem nicht mehr eingemischt. In diesem Fall kann er uns auch egal sein, da er keinen Einfluss auf unser Leben hat.

Mit anderen Worten: Dieser Gott ist vollkommen machtlos und braucht uns nicht weiter zu interessieren.

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