Liessmann: Ethikunterricht vom Religionsunterricht entkoppeln

Impulsreferat von Konrad Paul Liessmann bei der parlamentarische Enquete zum Thema Religions- und Ethikunterricht am 4.5.2011 in Wien.

Universitätsprofessor Konrad Paul Liessmann wandte sich dann dem Thema “Ethikunterricht im Spannungsfeld zwischen Religionsersatz und säkularer Moral” zu. Die Einführung eines alternativen Ethikunterrichts als Ersatz für den nicht besuchten Religionsunterricht mag zwar pragmatische Gesichtspunkte haben, die Aufgaben, Möglichkeiten und Perspektiven eines sinnvollen Ethikunterrichts würden dadurch eher verzerrt und beschnitten, kritisierte Liessmann. “Ethikunterricht kann kein Ersatz für den
Religionsunterricht sein, weil Ethik kein Ersatz für Religion ist”, konstatierte er. Ethik sei nicht das, was von den Religionen überbleibt, wenn man Gott durchstreicht, und Religion sei ihrem Wesen nach keine Ethik für Menschen, die den Prozess der Aufklärung noch vor sich haben. Die Religion erspare den Mitgliedern einer modernen Gesellschaft nicht, sich mit den Fragen einer säkularen Moral auseinanderzusetzen, noch sei diese Moral eine Art Religionsersatz für Atheisten und Agnostiker.

Für Liessmann kann der Ethikunterricht nur dann gelingen, wenn man anerkennt, dass die Ethik Ausdrucks des Willens der Menschen ist, die Fragen ihres Zusammenlebens weder einem Gott noch einer Kirche zu überlassen, sondern ihrer eigenen Souveränität und Vernünftigkeit zu überantworten. Die Dringlichkeit des Ethikunterrichts stellt sich ihm zufolge aus zwei Gründen: In einer prinzipiell säkular ausgerichteten  pluralistischen Gesellschaft gibt es kein tradiertes Werte- und Normensystem, das von allen relevanten Akteuren eines Erziehungs- und Bildungsprozesses fraglos vorausgesetzt und weitergegeben werden könnte. Eine säkulare Gesellschaft müsse sich deshalb auch über ihre geistigen Fundamente, ihre grundlegenden Werte und ihre normativen Vorgaben stets aufs Neue verständigen. Gerade weil keine Religion mehr eine allgemein verbindliche Autorität beanspruchen könne, seien mündige Menschen gefordert, die um die Möglichkeiten, aber auch um die Grenzen eines ethischen Diskurses Bescheid wissen und diesen mitgestalten können. “Ethikunterricht ist so eine demokratie-, ja staatspolitische Notwendigkeit”, stellte Liessmann dezidiert fest.

Eine moderne und in hohem Maß von Migration und kultureller Vielfalt geprägte Gesellschaft benötige Grundlagen, Formen und Verfahren des Zusammenlebens, die für alle Mitglieder dieser Gesellschaft gelten können. Die Formulierung solcher Grundlagen
könne nur eine säkulare Ethik liefern, die unterschiedlichen religiösen und nicht-religiösen Moralvorstellungen einen gemeinsamen Rahmen geben muss. Dass man dabei durchaus auch in Konflikt mit bestimmten religiös fundierten Werthaltungen und moralischen Praktiken geraten kann, sei selbstverständlich. In diesem Sinne ist Ethikunterricht auch eine gesellschafts- und kulturpolitische Notwendigkeit.

Der Bogen in der europäischen Diskussion zur Ethik lote nicht nur die Möglichkeiten einer vernünftigen Ethik aus, sondern auch die Grundlage der aktuellen ethischen Debatten im Bereich der Medizin, der Biopolitik, der Wirtschaft, der Technik und der Gesellschaft. Erste und wichtige Aufgabe eines jeden Ethikunterrichts müsse es deshalb sein, in genau dieses Denken, seine Argumentationsfiguren, seine Voraussetzungen und seine Konsequenzen kritisch und altersgerecht einzuführen. “Die Frage des Ethikunterrichts muss von der Frage des Religionsunterrichts prinzipiell entkoppelt werden”, forderte Liessmann. Gerade für Angehörige von Religionen mit rigiden Moralansprüchen sei die Teilnahme an einem religionsneutralen Ethikunterricht von besonderer Wichtigkeit.

Ethik müsste ein für alle SchülerInnen verbindliches Pflichtfach zumindest in der Sekundarstufe II sein, drängte Liessmann. Der Ethikunterricht sei nichts, was von ReligionslehrerInnen oder LehrerInnen anderer Fächer nebenbei erledigt werden könne. Ethik sei keine Querschnittsmaterie, sondern eine umfassende Disziplin,
in der Erkenntnisse der Sozial- und Naturwissenschaften ebenso Berücksichtigung finden müssen, wie Fragestellungen, die sich aus dem rasanten technologischen Fortschritt und der globalen Entwicklung ergeben. Liessmann hielt auch ein eigenes Studienfach Ethik für notwendig. Inhalte eines solchen Faches sollten neben den Grundlagen der philosophischen Ethiken auch Grundkenntnisse unterschiedlicher, auch religiös fundierter Moralvorstellungen und Normensysteme sein, die es erlauben, diese ohne ideologische oder konfessionelle Präferenz im Unterricht zur Sprache zu bringen.

Für Liessmann kann es nicht Aufgabe des Ethikunterrichts sein, bessere Menschen zu schaffen, oder bestimmte, oft auch vom Zeitgeist abhängige Wertvorstellungen zu indoktrinieren. Es könne auch nicht Aufgabe sein, eine “Wohlfühlatmosphäre mit Selbstverwirklichungsangeboten und Toleranzrhetorik” zu erzeugen. Aufgabe des Ethikunterrichts könne nur sein, kritisch in jene Denktraditionen und Lebensformen einzuführen, die die Basis unserer Gesellschaft darstellen. Er soll “junge Menschen intellektuell und emotional befähigen, die zunehmenden Debatten über Glücksvorstellungen und Gerechtigkeitskonzeptionen, über Freiheitspotentiale und Verantwortungserwartungen, über Grenzfragen des Lebens und des Todes, über den Umgang mit Unterschieden und Differenzen, über Werte und Wertveränderungen zu verfolgen, zu verstehen und in einer letztlich im Kriterium der Vernünftigkeit gehorchenden Weise zu gehorchen”.

Auszug aus:
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20110504_OTS0321/ethikunterricht-als-pflichtfach-fuer-alle-oder-ersatzunterricht-die-sicht-der-paedagogik-philosophie-und-theologie

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