Liessmann: Ethikunterricht im Spannungsfeld zwischen Religionsersatz und säkularer Moral

Konrad Paul Liessmann

Konrad Paul Liessmann

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrter Herr Bundesminister! Verehrte Abgeordnete! Meine Damen und Herren! Man kann nicht aus jeder Not eine Tugend machen. Die Tatsache, dass die Abmeldungen vom konfessionellen Religionsunterricht vor allem in Ballungsräumen ein Ausmaß erreicht haben, das die Einführung eines alternativen Ethikunterrichts als Ersatz für den nichtbesuchten Religionsunterricht nahelegte, mag zwar unter pragmatischen Gesichtspunkten relevant gewesen sein, die Aufgaben, Möglichkeiten und Perspektiven eines sinnvollen Ethikunterrichts werden durch diesen Gesichtspunkt allerdings eher verzerrt und beschnitten.

Grundsätzlich – es ist auch schon mehrfach angedeutet worden – muss gelten: Ethikunterricht kann kein Ersatz für den Religionsunterricht sein, weil Ethik kein Ersatz für Religion ist. Ethik ist nicht das, was von den Religionen übrig bleibt, wenn man Gott durchstreicht, wie umgekehrt auch Religion ihrem Wesen nach keine Ethik für Menschen ist, die den Prozess der Aufklärung noch vor sich haben. Weder erspart es die Religion den Mitgliedern einer modernen Gesellschaft, sich mit den Fragen einer säkularen Moral auseinanderzusetzen, noch ist diese Moral eine Art Religionsersatz für Agnostiker oder Atheisten.

Die Notwendigkeit des Ethikunterrichts muss deshalb anders begründet werden als mit dem Hinweis, dass junge Menschen, die keinen Religionsunterricht besuchen, wenigstens irgendeine Werterziehung bekommen sollten. Gelingen kann Ethikunterricht nur, wenn man anerkennt, dass die Ethik seit der Antike Ausdruck des Willens der Menschen ist, die Fragen ihres Zusammenlebens weder einem Gott noch einer Kirche zu überlassen, sondern ihrer eigenen Souveränität und Vernünftigkeit zu überantworten.

Die Dringlichkeit eines Ethikunterrichts stellt sich meines Erachtens deshalb aus zwei Gründen: Einmal gibt es in einer prinzipiell säkular ausgerichteten, sich selbst als pluralistisch verstehenden Gesellschaft kein tradiertes und wie selbstverständlich vermitteltes Werte- und Normensystem mehr, das von allen relevanten Akteuren eines Erziehungs- und Bildungsprozesses fraglos weitergegeben werden könnte. Eine säkulare Gesellschaft muss sich deshalb auch über ihre geistigen Fundamente, ihre grundlegenden Werte und ihre normativen Vorgaben stets aufs Neue verständigen.

Niemand hat dies klarer formuliert als der portugiesisch-niederländisch-jüdische Philosoph Baruch Spinoza. In einem freien Staat legen die Bürger durch Diskussion und Argumente, manchmal auch durch Abstimmungen und Mehrheitsentscheidungen die ethischen Grundsätze ihres Zusammenlebens fest.

Dass Spinoza aus der jüdischen Gemeinde Amsterdams ausgeschlossen wurde, dass seine Werke auf dem vatikanischen Index der verbotenen Bücher landeten und auch in den eher protestantisch orientierten Niederlanden nicht erscheinen durften, sagt übrigens einiges über die ursprüngliche Bereitschaft der Religionen, sich mit diesem Mündigkeitskonzept auseinanderzusetzen.

Meine Damen und Herren, gerade weil keine Religion mehr eine allgemeinverbindliche Autorität beanspruchen kann, sind mündige Menschen gefordert, die um die Möglichkeiten, aber durchaus auch um die Grenzen eines ethischen Diskurses Bescheid wissen und diesen mitgestalten können. Ethikunterricht ist unter diesem Gesichtspunkt eine demokratie-, ja staatspolitische Notwendigkeit.

Das führt zum zweiten Argument. Eine moderne, in hohem Maße von Migration und kultureller Vielfalt geprägte Gesellschaft benötigt Grundlagen, Formen und Verfahren des Zusammenlebens, die für alle Mitglieder dieser Gesellschaft gelten können – egal, welcher sprachlichen oder ethnischen Herkunft sie auch sein mögen, egal, ob sie Gläubige oder Nichtgläubige sind, egal, ob sie sich zu einer anerkannten, nicht anerkannten oder gar keiner Religionsgemeinschaft bekennen.

Die Formulierung und die Diskussion solcher Grundlagen kann nur eine säkulare Ethik liefern, die unterschiedlichen religiösen und nichtreligiösen Moralvorstellungen einen gemeinsamen Rahmen geben muss. Es soll nicht verschwiegen werden, dass dieser Rahmen durchaus auch in Konflikt mit bestimmten Werthaltungen und moralischen Praktiken geraten kann, man darf auch daran erinnern, dass die normativen Grundlagen unserer modernen Gesellschaft, die Menschenrechte, oft auch gegen den Widerstand der Religionen formuliert und durchgesetzt werden mussten.

Die europäische Aufklärung – wir dürfen uns daran erinnern – begann als Kritik der Religion. Das schmälert nicht die Leistungen, Aufgaben und Funktionen der Religionen, zeigt aber, dass es zwischen den Ansprüchen einer säkularen Moral und religiös motivierten Lebensformen durchaus Spannungen geben kann, die nicht ignoriert werden dürfen und die selbst zum Gegenstand einer ethisch-philosophisch-politischen Reflexion werden müssen.

Ethikunterricht ist unter diesem Gesichtspunkt auch eine gesellschafts- und kulturpolitische Notwendigkeit.

Meine Damen und Herren, eine säkulare, vernunftgeleitete Ethik ist allerdings keine Erfindung unserer Zeit, sondern gehört ganz wesentlich zum europäischen Erbe. Man könnte es geradezu als Spezifikum der europäischen Kultur erachten, die Frage der Moral als Sache der Vernunft zu sehen. Von den Glücks- und Tugendethiken der Antike und Spätantike über die moralischen Reflexionen eines Montaigne, von der Ethik des Baruch Spinoza bis zum kategorischen Imperativ eines Immanuel Kant, vom angelsächsischen Utilitarismus bis zur modernen Diskurs- und Verantwortungsethik spannt sich ein Bogen, der nicht nur die Möglichkeiten einer rational argumentierbaren Ethik ausleuchtet, sondern auch die Grundlagen der aktuellen ethischen Debatten im Bereich der Medizin, der Biopolitik, der Wirtschaft, der Technik und der Gesellschaft darstellt.

Erste und wichtigste Aufgabe eines jeden Ethikunterrichts müsste es deshalb sein, in genau dieses Denken, seine Argumentationsfiguren, seine Voraussetzungen und seine Konsequenzen kritisch und altersgerecht einzuführen.

Was bedeutet dies für die aktuelle Situation? – Ganz einfach: Die Frage des Ethikunterrichts muss von der Frage des Religionsunterrichts prinzipiell entkoppelt werden. Man könnte sogar sagen, dass gerade für Angehörige von Religionen mit Moralansprüchen, die einer aufgeklärten Vernünftigkeit nicht immer entsprechen müssen, die Teilnahme an einem religionsneutralen Ethikunterricht von ganz besonderer Wichtigkeit sein müsste, um den Stellenwert und die Bedeutung eines religiösen Wertesystems im Kontext einer pluralen Gesellschaft richtig einschätzen zu können. Das heißt, Ethik müsste meines Erachtens ein für alle Schüler verbindliches Pflichtfach zumindest der Sekundarstufe II werden.

Ethikunterricht ist deshalb auch nichts, was von Religionslehrern oder auch Lehrern anderer Fächer so nebenbei erledigt werden könnte. Wenn überhaupt, dann bringen vielleicht Philosophielehrer einige, bei Weitem nicht alle der dafür notwendigen Kenntnisse und Kompetenzen mit. Ethik ist deshalb auch keine Querschnittmaterie, auch wenn dies gut klingen mag. Ethik ist eine umfassende Disziplin mit einer 2 500 Jahre alten Geschichte und einer mittlerweile sehr ausdifferenzierten Argumentationskultur, in der Erkenntnisse der Sozial- und Naturwissenschaften ebenso Berücksichtigung finden wie Fragestellungen, die durch den rasanten technologischen Fortschritt und durch globale Entwicklungen aufbrechen.

Meinte man es wirklich ernst mit Ethikunterricht, dann müsste Ethik nicht nur als Unterrichtsfach, sondern auch als eigenes Studienfach etabliert werden, das wie jedes Lehramtsstudium in Kombination mit einem anderen Fach absolviert und dann unterrichtet werden kann.

Inhalte solch eines Faches sollten neben den Grundlagen der philosophischen Ethik durchaus auch Grundkenntnisse unterschiedlicher, auch religiös fundierter Moralvorstellungen und Normensysteme sein, die es erlauben, diese ohne ideologische oder konfessionelle Präferenz im Unterricht zur Sprache zu bringen.

Es muss deshalb Aufgabe des Ethikunterrichts sein, kritisch in jene Denktraditionen und Lebensformen einzuführen, die die Basis unserer Gesellschaft darstellen. Der Ethikunterricht sollte junge Menschen intellektuell und emotional befähigen, die zunehmend brisanter und verwirrender werdenden Debatten über Glücksvorstellungen und Gerechtigkeitskonzeptionen, über Freiheitspotentiale und Verantwortungserwartungen, über Grenzfragen des Lebens und des Todes, über den Umgang mit Unterschieden und Differenzen, über Werte und Wertveränderungen zu verfolgen, zu verstehen und in einer letztlich dem Kriterium der Vernünftigkeit gehorchenden Weise auch selbst zu gestalten. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall.)

Auszug aus dem Stenographischen Protokoll der parlamentarischen Enquete betreffend “Werteerziehung durch Religions- und Ethikunterricht in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft” vom 4. Mai 2011.

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2 Responses to Liessmann: Ethikunterricht im Spannungsfeld zwischen Religionsersatz und säkularer Moral

  1. Theres says:

    ich stimme konrad paul liessmann voll und ganz zu. herr liessmann schreibt “Eine moderne, in hohem Maße von Migration und kultureller Vielfalt geprägte Gesellschaft benötigt Grundlagen, Formen und Verfahren des Zusammenlebens, die für alle Mitglieder dieser Gesellschaft gelten können […]” und “[…] eine säkulare, vernunftgeleitete Ethik ist allerdings keine Erfindung unserer Zeit, sondern gehört ganz wesentlich zum europäischen Erbe.”
    eineinhalb jahre in mosambik lebend und ganz viel nachdenkend beschäftigt mich ein paar fragen: wer definiert die grundlagen, formen und verfahren des zusammenlebens, die für alle mitglieder dieser gesellschaft gelten können? das europäische erbe? die menschenrechtsdeklaration? und was, wenn der afrikanische (asiatische etc.) wertekanon ein ganz anderer ist? was, wenn dona sarah überhaupt nichts dabei findet, vor ihrem eigenen mann einen knicks zu machen, bevor sie mit ihm redet – während es mir dabei den magen krampft? mit welcher berechtigung darf ich meinen europäischen wertekanon als den richtigen empfinden? und wo hört relativ richtig und falsch auf und fängt absolut richtung und falsch an, denn dass die hierzulande leider noch immer gebräuchliche lynchjustiz absolut unrichtig ist, daran zweifle ich nicht.
    schwierig, diese diskussion, finde ich.

  2. Gertrude Radax says:

    Liebe Theres,
    es heißt ja nicht, dass alles was gerade praktiziert wird, auch richtig und erstrebens wert ist. Genau darum geht es. Indem man über Grundlagen der Ethik lernt und sich damit auseinandersetzt, kommt man zu anderen Formen des menschlichen Zusammenlebens, auch außerhalb Europas.

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