Ethikunterricht — Du sollst nicht lügen

Eine Replik auf Anton Bucher

In der Frage des Ethikunterrichts und dessen Einführung als verpflichtendes Fach sind seine Verfechter – vorwiegend die katholische und protestantische Kirchen sowie die ÖVP – nicht gerade wählerisch, wenn es um die Mittel und Argumente geht. Weil anscheinend der Zweck die Mittel heiligt, wird vor Halbwahrheiten, Lügen oder gar Diffamierungen nicht zurückgeschreckt. Es wird oft den Religionsunterrichtsverweigerern (ca. 25% der Schüler) mehr oder weniger offen Faulheit vorgeworfen – Christian Leibnitz (Leiter des Schulamtes der Diözese Graz) sprach z. B. 2008 von »mangelnder Arbeitshaltung«. Molterer und die ÖVP gingen sogar Ende 2007 soweit, sie für die Gewalt an den Schulen verantwortlich zu machen. Zahlen oder gar Studien dazu gab es natürlich nie.

Aus diesem Grund sind der neuerliche Vorstoß von Anton Bucher, katholischer Theologe an der Universität Salzburg, und vor allem die verwendeten Argumente wenig überraschend. Auch wenn er, im Gegensatz zu den meisten anderen, ein gewisses Verständnis für die Anliegen der Betroffenen (der Konfessionslosen bzw. -freien) zu haben scheint, sind die vorgebrachten Gründe befremdend, gar empörend.

Korruption beweist Debakel des Religionsunterrichts

Unter dem Titel »Mit breiter Ethikdebatte heraus aus dem Korruptionssumpf« nimmt Anton Bucher die in Österreich grassierende Korruption als Anlass, einmal mehr den Ethikunterricht einzufordern. Die zahlreichen Korruptionsaffären erbringen nur den beeindruckenden Beweis, dass der Religionsunterricht auf der ganzen Linie kläglich versagt und jede Legitimation verloren hat. Diejenigen – Strasser, Grasser, Mensdorff-Pouilly usw. –, die diese Korruptionslawine ausgelöst haben, sind als (tief-)gläubige Christen bekannt und haben mit Sicherheit den Religionsunterricht besucht. Der soll, so sagen seine Verteidiger, ja eigentlich die ethischen Werte bilden, die dann den armen Heidenkindern fehlen. Deswegen sollen Letztere ja den Ethikunterricht besuchen.

Erinnern wir auch daran, dass die Schüssel-Regierungen von einem tiefen, zur Schau getragenen (christlichen) Glauben geprägt waren – Wallfahrten (Mariazell im September 2000 usw.) – und sozusagen im Auftrag Gottes zustande gekommen waren – Rauch-Kallat dankte 2002 »dem lieben Gott« für die 42% der ÖVP und dafür, dass er »unserem Wolfgang Schüssel die Kraft gegeben hat, das alles durchzustehen«. »Wo lernt unsere nachwachsende Generation Ethik?«, fragt Bucher. Nicht in der christlichen Lehre und schon gar nicht im Religionsunterricht wie es scheint.

Nun kann man Bucher Recht geben, wenn er stattdessen einen Ethikunterricht fordert. Allein, wer soll ihn erteilen? Richtig, jene Religionslehrer, die über Jahrzehnte als Ethikbildner versagt haben. Warum sie ausgerechnet jetzt Erfolg haben sollen, sagt uns Bucher nicht. Er sagt uns auch nicht, wie die Kinder davor bewahrt werden sollen, dass sie dann eben einen verpflichtenden katholischen Religionsunterricht light bekommen, wie es jetzt großteils in den Schulversuchen der Fall ist. Im besten Fall scheint seine Argumentation nicht durchdacht. Und wenn man über die Grenzen sieht: In den wenigen Ländern, in denen es einen Ethikunterricht gibt, ist es auch nicht besser. Siehe Großbritannien, wo sich eine ganze Politikergeneration schamlos bereichert hat.

Du sollst nicht lügen…

Wie schon bei der parlamentarischen Enquete im Mai und wie manch anderer aus dem (religiösen) Lager der Verfechter des Ethikunterrichts argumentiert Anton Bucher damit, dass der (verpflichtende) Ethikunterricht »in allen anderen EU-Staaten längst im Regelschulwesen implementiert ist«. Ich möchte Anton Bucher an das achte Gebot erinnern, das besagt: »Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen« – anders gesagt: Du sollst nicht lügen. Denn, dieses Argument, ob von Bucher oder anderen, ist eine glatte Lüge, die leicht zu widerlegen ist.

Einen Ethikunterricht – oder Ähnliches wie den »cours de morale« in Belgien oder die Humanistische Lebenskunde in Berlin – gibt es in der Form, wie Bucher ihn beschreibt oder ihn sich wünscht (also verpflichtend und flächendeckend), zumindest in den folgenden Ländern definitiv nicht: Deutschland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Malta (es wird derzeit darüber beraten, ob 2013 ein eigenes Fach »ethics education« eingeführt werden soll), Portugal, Rumänien, Spanien und die Tschechische Republik. Hingegen aber in Belgien, Dänemark (kristendomskundskab), Großbritannien (religious studies), Luxemburg (éducation morale et sociale), Schweden (religionskunskap) und Slowenien (državljanska vzgoja in etika).

Das unethische Verhalten eines katholischen Theologen

Ob im Falle Anton Bucher diese Unwahrheit absichtlich und wissentlich verbreitet wird oder nicht, ist nicht relevant. Relevant sind hingegen – wenn man schon von Ethik spricht – Werte wie Redlichkeit, Sachlichkeit und Seriosität. Denn gerade diese Werte und Verhaltensweisen bilden die Voraussetzung für einen ehrlichen Meinungsaustausch, der von Toleranz und vor allem Respekt geprägt ist. Wer Unwahrheiten verbreitet, und seien sie nur Produkt des eigenen Wunschdenkens, zeigt sich verächtlich den anderen gegenüber und schürt Misstrauen. Und mit einem ethischen Verhalten hat dies reichlich wenig zu tun.

Philippe F. Lorre

Auch in ähnlicher Form erschienen als Leserkommentar in:

This entry was posted in Ethikunterricht and tagged . Bookmark the permalink.

One Response to Ethikunterricht — Du sollst nicht lügen

  1. Renate says:

    Danke. Leider haben es sich zu viele Menschen in diesem katholisch-diktatorischen System eingerichtet. Viel zu viele.
    Eine politische Partei (ÖVP) als Erfüllungsgehilfe der katholischen Macht. Wo ist da Entpolitisierung der Kirche aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg???
    Katholisch zu sein bedeutet, das Denken nie gelernt zu haben und diese Dummheit wird schamlos (früher wie jetzt) ausgenützt. Die Denkenden sind dann die Bösen und wurden und werden vernichtet, diskreditiert, etc. Traurig. Trauriger. Am Traurigsten.
    Wen wundert’s, dass die unabhängigen Naturwissenschaftler und Denker sich in diesem Umfeld so schwer tun.
    Mfg
    Renate

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>