Mathematiker versteht die Religionsfreiheit nicht

taschnerWIEN. (hpd) In Österreich könnte es einen Ethikunterricht für alle geben – oder auch nicht. Die politische Willensbildung ist nicht abgeschlossen. Die Verfechter diverser Konzepte bringen sich vor allem über (Gast-)Kommentare in Zeitungen in Stellung. Mit teils skurrilen Blüten.

Ethikunterricht? Pfui. Wenn schon, konfessioneller Religionsunterricht für alle. Auch für die Heidenkinder. Dieser Meinung zeigt sich der Mathematiker Rudolf Taschner, der auch Kolumnist bei der konservativen Tageszeitung „Die Presse“ ist, die dem kircheneigenen Styria-Verlag gehört. Wörtlich fordert er: „Darum ist statt der Einführung eines Ethikunterrichts dem Staat vielmehr zu raten, den Religionsunterricht allen Kindern verpflichtend aufzuerlegen – sie können die jeweilige Religion wählen, aber eine der staatlich anerkannten muss es sein. Die jungen Menschen sollen mehr als abstrakte Ethik kennenlernen, und sie sollen von der „Wahrheit“ erfahren, welche die Lehrerpersönlichkeit prägt. Und der Staat garantiert, dass der Religionsunterricht im Geiste der Aufklärung und frei von missionarischem Beiwerk erteilt wird.“

Zu einer solchen Forderung versteigen sich nicht einmal mehr die vehementesten Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche. Die wollen bekanntermaßen einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle Konfessionsfreien und für alle Kinder, die sich vom konfessionellen Religionsunterricht abmelden. Vorzugsweise erteilt von Religionslehrern, die einen Schnellsiedekurs als Ethiklehrer gemacht haben. Etwa an der katholisch-theologischen Fakultät von Graz. Sprich: Religionsunterricht light für die Heidenkinder.

Abschaffung der Religionsfreiheit

Was Taschner fordert, ist nicht mehr und nicht weniger als die Abschaffung der Religionsfreiheit. Für Kinder. Für Eltern. Für Religionsgemeinschaften. Höflich formuliert scheint er das Prinzip Religionsfreiheit nicht verstanden zu haben. Von der gesetzlichen Lage in Österreich ganz zu schweigen. Seine Argumente, oder was er dafür hält, sind derart absurd und verschwurbelt, dass man sie erst auseinanderklauben muss, um sie widerlegen zu können. Eine beliebte Taktik bei religionsfreundlichen Meinungsmachern wie Taschner, übrigens.

Fangen wir vielleicht von hinten an: Die geforderte Garantie, der Religionsunterricht erfolge im Wesen der Aufklärung und frei von missionarischem Beiwerk.

Konfessioneller Religionsunterricht verträgt sich nicht mit Aufklärung

Es liegt im Wesen eines konfessionellen Religionsunterrichts, zumal, wie er in Österreich praktiziert wird, dass der Staat so gut wie gar nichts garantieren kann. Über Lehrer, Lehrplan und Unterrichtsmaterial  entscheiden autonom die Religionsgemeinschaften. Dienstrechtlich sind die Lehrer ihrer Religionsgemeinschaft unterstellt. Die verlangt, dass sie auch im Privatleben den jeweiligen Regeln gehorchen. Katholische Religionslehrer können ihre Lehrerlaubnis für das Fach Religion verlieren, wenn sie sich zum Beispiel scheiden lassen.

Vom Geiste der Aufklärung ist da nicht viel zu spüren. Dass in so einer Situation missionarisches Beiwerk dabei ist, versteht sich von selbst. Das ist Sinn und Zweck eines konfessionellen Religionsunterrichts. Dazu kann man stehen, wie man will. Dass der Autor dieser Zeilen strikt gegen jede Form von konfessionellem Religionsunterricht ist, wird kein Geheimnis sein. Aber auch für einen Befürworter desselben wären Taschners Vorstellungen eine Zumutung.

Nur staatlich anerkannte Religionen sind gut genug

Nicht weniger problematisch ist Taschners Forderung, alle Kinder sollten einen Religionsunterricht wählen müssen. Das kann guten Gewissens nur fordern, wer das Wesen der Religionsfreiheit nicht verstanden hat. Den Kindern wird die Freiheit genommen, sich für ein Leben ohne Religion zu entscheiden. Auch für Eltern wird religionsfreie Erziehung so zu Unmöglichkeit. Ob sie ein Kind taufen lassen, in eine Religion einschreiben lassen oder nicht – das alles hat aus Taschners tiefster Überzeugung offenbar egal zu sein. Dass Kinder mit 14 religionsmündig werden, auch das ist für ihn egal.

Das klingt eigenartig aus dem Munde eines Mannes, der sich vor wenigen Monaten aggressiv wie kaum ein anderer für das Recht auf Beschneidung minderjähriger Kinder ausgesprochen hat. Damals berief er sich auf die Entscheidungsbefungnis der Eltern. Alle, die dieser Meinung auch nur halbherzig widersprachen, bezeichnte er als „Antisemiten reinsten Wassers“. Offenbar zählt die Entscheidungsbefugnis der Eltern nur, wenn sie in Taschners Weltsicht passt.

Es geht nicht nur um die Konfessionsfreien

Das könnte man als scharfe Reaktion aus atheistischer Sicht abtun. Allein, es geht nicht nur um die Kinder Konfessionsfreier. Aus Taschners Sicht ist nicht jede Religion gut genug, den Kindern die heilige Ethik näherzubringen. Nur die staatlich anerkannten sind es. Das betrifft auch die Kinder, deren Eltern sie in eine Kleinreligion wie die der Bahai eingeschrieben haben. Die waren bisher auch befreit vom konfessionellen Religionsunterricht. Jetzt müssten sie zu irgendwem anderen, wenn sich Taschner durchsetzt.

Auch das ein Indiz, dass Taschner das mit der Religionsfreiheit nicht wirklich auf die Reihe gebracht hat. Ein Staat, der Religionsgemeinschaften mehr oder weniger nach Gutdünken anerkennt oder nicht, stellt eine Religion über die andere. Das hat mit Religionsfreiheit wenig zu tun. Daran ändern die Scheinobjektivierungen nach dem Bekenntnisgemeinschaften- und dem Anerkennungsgesetz wenig. Die heimischen Gesetzgeber beweisen ständig, dass sie auf diese Grundlagen pfeifen, wenn es genehm ist. (Eine ausführliche Analyse zum Thema erscheint demnächst). Und dieses System hält Taschner für ethisch genug, Kindern Ethik zu vermitteln?

Wahlfreiheit gibt es nicht

Jeder halbwegs an seiner Umwelt interessierte Mensch stellt auch fest, dass Taschner nicht die geringste Ahnung hat, wie der konfessionelle Religionsunterricht in Österreich funktioniert. In den meisten Schulen dieses Landes ist von der Wahlfreiheit, die der Mathematiker daherfantasiert, keine Rede. Dort gibt’s nur katholischen Religionsunterricht und sonst keinen.

Die Protestanten haben große Probleme, ihren konfessionellen Religionsunterricht abseits der klassischen evangelischen Besiedlungsgebiete zu organisieren. Bei den Muslimen sieht es nicht viel besser aus. Kindern würden lange Anfahrtswege zu einem externen Unterricht zugemutet, wenn sie sich nicht abmelden würden.

In der Praxis wäre das katholischer Zwangsunterricht

Unter fünf Kindern gibt’s den Religionsunterricht nur extern. Es gibt Fälle, wo Direktoren etwa muslimische Eltern händeringend baten, das Kind doch bitte abzumelden – in der Hoffnung, so weniger als fünf Kinder zu haben. Sonst hätte man sich um einen Religionslehrer umsehen müssen, was ein – aus Sicht strenggläubiger Christen im wahrsten Sinn des Wortes – ein Heidenaufwand gewesen wäre. Geht Taschner davon aus, dass sich das ändert, wenn sich jetzt auch Nicht-Muslime für diesen konfessionellen Religionsunterricht entscheiden müssen?

Oder wird das nicht meist zwangsläufig eher dazu führen, dass alle Kinder aus nicht-katholischen Haushalten zwangsweise den katholischen Religionsunterricht genießen? Und das soll, angesichts der eindeutigen Positionierung der christlichen Kirchen, Schule als Ort der „Glaubensvermittlung“ und der Neu-Evangelisierung zu sehen, ganz ohne Missionierung abgehen? Auf welchem Planten lebt denn der Mensch?

Man sehnt sich nach Theologengeschwurbel

Und da ist nichts gesagt über die reichlich kreativen Argumentationsstränge, die Taschner sichtlich im Schweiße seines Angesichts aufbaut, um überhaupt zu dieser absurden Forderung zu kommen. Ethik ist für ihn immer etwas Religiöses. Etwas anderes kann er sich nicht vorstellen. Das mag seine Meinung sein. Das muss man akzeptieren. Respektieren muss man diesen unreflektierten Unsinn nicht. Es ist nichts anderes als die Behauptung, Atheisten wären zu keinem wirklich ethischen Handeln fähig. Das ist empirischer Unsinn und beleidigend.

Es sei denn, Taschner dehnt den Religionsbegriff so weit aus, dass alles irgendwie Religion ist. Dann besagt das Wort nichts. Dann hätte er sich die ganze Übung gleich sparen können.

Rudolf Taschner hat zu diesem Thema eine ausgeprägte Meinung. Eine Ahnung hat er offensichtlich nicht. Für einen ehemaligen Wissenschaftler des Jahres ist das eine eher peinliche Angelegenheit. Schweigen wäre ihm besser bekommen als diese unbeholfene religiöse Propaganda, nach deren Konsum man sich beinahe sehnt nach Theologengeschwurbel. Das macht auch nicht mehr Sinn, aber es klingt wenigstens beeindruckender.

Christoph Baumgarten

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