Ethikunterricht: Indoktrinierte Ergebenheit ist hündischer nicht unähnlich

hundVernunft und Unvernunft im echten Leben und im kirchlichen Rahmen. Kommentar zu Kurt Remeles “Ethikunterricht: Kopf zum Denken ersetzt hündische Ergebenheit” und Reinhold Esterbauers “Ethikunterricht: Entgegnung auf Liessmann”.

Von Hermann Geyer

Remele und Esterbauer belegen mit etlichen konkreten Beispielen, wie vernünftig es in christlichen Kreisen zugeht. Ja, tatsächlich, es wird viel Vernünftiges gedacht in der Kirche! Das ist zwar erfreulich, sagt aber nicht viel. Denn dass alle natürlichen Reflexe für die Suche nach Antworten auf Fragen, die das Leben so stellt, restlos verschüttet sein könnten, erscheint ziemlich unwahrscheinlich.

Es ist nämlich ein natürlicher Reflex aller, bei der Suche nach mehr Wahrheit oder nach Lösungen für konkret anstehende Probleme den Kopf zum Denken einzusetzen statt nur zum Nicken. Das sich in Sachverhalte einfühlende Denken und das Reflektieren gemachter Erfahrungen ist ein durch und durch vernünftiges Verhalten.
Unvernünftig ist das Gegenteil: vorschnelles (oft gar reflexartiges) Nicken zu angebotenen Erklärungen oder ganzen Glaubenssystemen.

Genau auf diese Art unvernüftig ist aber Religiosität – konkret auch jene christliche Gläubigkeit, für die Esterbauer und Remele als Professoren lobbyieren.

Vernünftig zu denken und zu handeln ist eine Tugend aller, die sich um objektive Wahrheitssuche oder um wissenschaftliches Vorgehen bemühen – ganz gleich, um welche Lebensbereiche es gerade geht. Allerdings sollte diese Tugend sehr konsequent befolgt werden, denn vernünftig kann eine Argumentation insgesamt nur sein, wenn nicht irgendwo in der Kette Unvernünftiges enthalten ist.
Gerade das ist aber in jeder christlichen Gedankenkette enthalten. Christlich ist eine Gedankenkette ja dadurch, dass der Glaube an Jesus als Messias und Sohn Gottes eine Rolle spielt. Dieser Glaube hat eine ziemlich wechselvolle Geschichte hinter sich. Paulus rühmte sich seiner Unvernünftigkeit, und viele Bemühungen, diesen Glauben dann doch als vernünftig zu beweisen, blieben erfolglos. Nicht nur das Theodizeeproblem hat sich da philosophisch quergelegt.

Dogmatisierte Unvernünftigkeit und Indoktrination

Diese Art von Unvernunft wurde durch die katholische Kirche auf die Spitze getrieben, indem sie den Grundsatz “Glaube hat Vorrang vor Vernunft” (oder “die Vernunft hat nicht über Glaubensinhalte zu urteilen”) als ihren Erkenntniszugang dogmatisiert, also für alle Katholiken als verpflichtend erklärt hat. (Das wurde in Hinblick auf Ethikunterricht bereits im Leserkommentar vom 1.6.2011 dargestellt, auch mit Hinweis auf konkrete Gewissenskonflikte katholischer Religionslehrer, sollten diese dem staatlichen Wertesystem verpflichtete Ethik unterrichten.) Nach allen Erfahrungen (speziell des vorigen Jahrhunderts) mit Ideologien ist eine derartige Hochstilisierung gläubigen Gehorsams besonders abzulehnen.

Fixe Ideen, von denen Religionen ausgehen und aus denen sie ihre Identität ableiten sind also ihre religiöse Doktrin. Über solche fixe Ideen darf dann nicht ernsthaft innerhalb dieser Religion diskutiert werden. Jene, die an die Doktrin glauben, sind indoktriniert. Jene, die nicht daran glauben, sind keine Gläubigen im Sinn des Systems. Religionsunterricht hat das Ziel, im Sinn der Doktrin zu überzeugen, ganz grundsätzlich also zu indoktrinieren.

Remele beschreibt zutreffend, was in einem Hund vorgeht, wenn er dem antrainierten Befehl folgt.
Ähnlich konditioniert ist der Indoktrinierte: Reflexartig verteidigt er eine religiöse Doktrin, beispielsweise also den Glauben, ein wohlwollender Gott habe die Welt und uns erschaffen und wolle unser Bestes. Alle alternativen Gedankenmodelle, deren es im Lauf der Geschichte etliche gegeben hat (z.B. Atheismus, Pantheismus, Deismus, etc., bis hin zu weniger beliebten wie “ein sadistischer Gott quält uns ja nur”) werden beiseite geschoben. Auch die agnostische Konsequenz (etwa “auf die Frage, warum wir existieren, erwarte ich keine sinnvolle Antwort”) wird nicht erwogen.
Auch wenn das “Leckerli”, das dem Indoktrinierten vor die Nase gehängt wurde, nur in seiner Phantasie existieren sollte (z.B. ewige Seligkeit, in manchen Glaubenssystemen mit 72 Jungfrauen aufgemotzt) – es wirkt dank der geistigen Fähigkeiten des Menschen nicht schlechter als das reale, das dem Hund anfangs tatsächlich verabreicht werden mußte.
Und ohne dass man es tatsächlich weiß: der gut und ergeben Indoktrinierte fühlt sich möglicherweise genauso glücklich wie der Hund, wenn er das angelernte Programm abspulen darf. In seinem Fühlen ist er wohl völlig überzeugt davon, sein Glaube und sein Verhalten sei absolut vernünftig und indoktriniert sei sicher nicht er selber. Und das umso mehr, wenn er sich sicher ist, dass “höhere” Einsichten – also etwa göttliche Offenbarungen – dahinterstehen.
Wie es dazu kommt, dass in manchen Weltgegenden die eine, in anderen Gegenden eine andere Religion dominiert, fragt er sich offenbar nicht, obwohl es mit institutioneller Suggestion und Indoktrinierung – oft allgegenwärtig in Alltag und Erziehung – einleuchtend erklärbar ist.

Missionierung als tragende Säule christlichen Selbstbildes und seine Divergenz zur heutigen Gesellschaft

Zu den fixen Ideen “Gott ist wohlwollender Schöpfer” und “Jesus ist Gottes Sohn und Erlöser” kommt bei christlichen Konfessionen noch eine weitere hinzu: “Ich habe den Auftrag zu missionieren”.
Hierzulande erfreuen sich die beiden erstgenannten heute noch einer gewissen Beliebtheit (der Glaube an den Schöpfer am meisten, an sein Wohlwollen schon weniger, und an Jesus als Erlöser am wenigsten).
Richtig unbeliebt scheint mir aber der Missionierungsauftrag zu sein – sowohl unter aktivem wie auch unter passivem Aspekt. Oder gibt es viele, die sich wirklich freuen, wenn Zeugen Jehovas anklopfen? Auch katholische oder evangelische Pfarrer können sich mit handfestem humanitärem Anpacken weit beliebter machen als mit missionarischer Direktheit.
Konfessioneller christlicher Religionsunterricht muß aber missionarisch sein. Das wird heute zwar gern abgestritten, aber nichtmissionarisch würde er dem christlichen Grundverständnis nicht gerecht.
Unserem heutigen gesellschaftlichen Selbstverständnis ist ein missionarischer Anspruch in der Schule zuwider. So gesehen scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ein neutraler Religionenunterricht politisch durchsetzbar wird. Erleichtert wird das durch zwei weitere Fakten über den inneren Zustand der katholischen Kirche, der dadurch alles andere als konsolidiert erscheint: einerseits kann nur etwa einem Drittel der Katholiken tatsächlich christliche Gläubigkeit attestiert werden, andererseits ist die Funktionärsschicht (Priester, Theologen, Wortführer, …) zwischen Reformbemühungen und dem Bewahren alter Traditionen völlig zerstritten. (Im Grunde kämpfen die Reformer aussichtslos gegen das Dogma “Glaube vor Vernunft” an, weil jede Neuerung natürlich am ehesten mit vernünftiger Argumentation durchzusetzen wäre, aber mit dem Hinweis auf das, was bisher Glaubensgut war, leicht abgeblockt werden kann.) Zu den bereits in den Leserkommentaren vom 1.6.2011 und 4.4.2012 angesprochenen Divergenzen zwischen staatlichen und kirchlichen Werten kommen also noch weitere recht handfeste politische Motive dazu, die Kirche nicht mehr als adäquaten Partner für zukunftsweisenden Unterricht in die Schulen zu bitten.

Kurz das Wichtigste zusammengefasst:
Remele und Esterbauer tun so, als seien Beispiele für Vernünftigkeit in der Kirche deren Verdienst. Signifikant ist es aber umgekehrt: Einzelne gravierende Beispiele für Mangel an Vernunft (in Form fixer religiöser Ideen und Dogmen) beweisen die Unvernünftigkeit des Systems.
Die Kirche hat weder das Denken noch das Diskutieren erfunden sondern gehorsame Gläubigkeit zu ihrer Ideologie hochstilisiert.

Nicht nur eine Gleichschaltung der Glaubensüberzeugungen denkender Menschen, wie sie in Ideologien und Religionen zu beobachten ist, legt die Vermutung nahe, dass sie großteils indoktriniert wurden. Suggestive Indoktrinierung ist eine wirkungsvolle Methode, Unvernünftiges in Köpfen zu verankern.

Der Lapsus Liessmanns, zuwenig über das ihm fremde religiöse Selbstverständnis informiert zu sein, erscheint gering gegenüber der Blindheit Remeles und Esterbauers für das eigene System: es nämlich als vernünftig verkaufen zu wollen trotz aller überdeutlich dogmatisierten Unvernunft.

Ein kleiner Aspekt sei noch angefügt: Kirchliche Funktionäre und Lobbyisten wie Remele und Esterbauer hängen beruflich und finanziell von der Kirche und von diese begünstigenden staatlichen Privilegien ab. Leute wie Liessmann oder die (hierzulande überschaubaren) kirchen- und religionskritisch Engagierten vertreten ihre Überzeugung ohne einer Institution bzw. Machtinteressen verpflichtet zu sein.

Dr. Hermann Geyer (Jg. 1951) ist Systemanalytiker.

 

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