Tritt der Papst meinetwegen zurück?

papst_gehtWer nach diesem Titel einen humoristischen Beitrag erwartet, der irrt. Denn für meine Vermutung gibt es mehr und konkretere Indizien als für alle vatikanischen Verschwörungstheorien. Und über die Möglichkeit einer gottesstellvertreterlichen Glaubenskrise wurde öffentlich schon spekuliert. Von Hermann Geyer

Unter anderem geht es um das bekannteste Buch Ratzingers (“Einführung in das Christentum”, verfaßt in den Jahren nach dem Konzil), das seit Jahrzehnten ein wichtiges deutschsprachiges Einführungsbuch ins Theologiestudium war und vermutlich noch immer ist. In diesem Buch geht er von falschen Grundannahmen aus, sodass sein Konzept und seine Argumentation von Anfang an in die Irre führen. Das traue ich mich zu sagen, weil Ratzinger im Buch Behauptungen aufstellt über etwas, wovon ich sicher mehr verstehe als er: über mich nämlich, und über andere religiös Ungläubige.

Falsche Behauptungen

Es geht hier im wesentlichen um das Erste Kapitel. Ratzinger hat dort Erfahrungsberichte (Tagebuchaufzeichnungen) über massive Glaubenszweifel der nach ihrem Tod heiliggesprochenen Therese von Lisieux zitiert. (Eine schöne Parallele unserer Zeit hinsichtlich Heiligkeit und Glaubenszweifeln ist Mutter Theresa.) Anschließend erzählt er eine Geschichte (offenbar eine literarische Kreation Martin Bubers) über einen Zaddik (einen jüdischen Gelehrten) und dessen ungläubigen Besucher. Diesem Ungläubigen wird nun durch das “Vielleicht ist es aber wahr” des Zaddik sein Widerstand gegen den Glauben gebrochen. Ratzinger sieht das als typisch für die Situation des Menschen vor der Gottesfrage – und sieht darin sogar “bei aller Fremdheit der Einkleidung eine sehr präzise Beschreibung”. Ratzingers Wortlaut: “Dieses ‘Vielleicht’ ist die unentrinnbare Anfechtung, der der Unglaube sich nicht entziehen kann, in der er auch in der Abweisung die Unabweisbarkeit des Glaubens erfahren muß.”

Es mag ja sein, dass es manchen tatächlich so geht: in ihnen steigt Angst auf, wenn sie mit der Möglichkeit konfrontiert werden, dass religiöse Behauptungen vielleicht wahr sein könnten. Und schon neigen sie dazu, doch noch mal darüber nachzudenken, sich diesem Glauben vielleicht anzuschließen.

Bei mir – und bei vielen die ich kenne – war und ist es jedenfalls ganz anders. Wenn wir wieder einmal mit der “Gottesfrage” konfrontiert werden (beispielsweise weil ich Zeugen Jehovas sich nähern sehe und noch schnell die Tür versperren will) ziehe ich ganz sicher nicht in Erwägung, den Glauben an Gott zu übernehmen. Eher melden sich in mir manche der vielen Gegenargumente, die ich den Zeugen nennen könnte – etwa das Theodizeeproblem. Der Unglaube in mir kann sich also ohne weiteres der Anfechtung (wenn die Zeugen schneller bei der Tür waren als ich) entziehen. Man könnte hier natürlich einwenden, dass Zeugen Jehovas nie mit einem “vielleicht” auf den Lippen ihre Botschaft verbreiten wollen, aber ich weiß aus anderen Situationen, dass mich dies auch nicht mehr beeindrucken würde.

Ratzinger also hat offenbar eine für viele Fälle gänzlich falsche Sicht der Situation verallgemeinert, und das allein könnte eigentlich schon genügen, seinen Schlußfolgerungen nicht mehr zu trauen. Er verschweigt durch diese Verallgemeinerung völlig, dass Ungläubige sehr gute und tragfähige Gründe für ihren Unglauben haben können.

Manipulationsversuch durch einseitige Darstellung

Mindestens genauso schlimm ist aber: Erfahrungsberichte (also offenbar Fakten) über Glaubenszweifel sogar frömmster, sich um Glauben bemühender Menschen wurden von Ratzinger zwar kurz erwähnt, aber im ganzen Buch nicht weiter bewertet. Er verschweigt also sehr konsequent Indizien, die gegen den Glauben an Gott sprechen. Dagegen reicht ihm eine von einem ähnlich religiös Gläubigen (Martin Buber) erfundene Geschichte als Beleg für seine sehr weitreichende und verallgemeinernde Schlußfolgerung über Ungläubige – also über Menschen, die von seinem eigenen und Bubers Milieu besonders weit entfernt sind.

Es wird die katholische theologische Ausbildung im Grund und von Anfang an sehr stark auf phantasievolles Wunschdenken gestützt und überraschend wenig auf Fakten und sorgfältige Recherche. Das ist ein Manipulationsversuch an Erstsemestrigen, der sich gewaschen hat.

Ich habe diese und noch mehr Kritik an Ratzinger (gemeinsam mit der Kritik an anderen kirchlichen Theologen, die sich auf Ratzinger-Zitate bezogen, und die daher indirekt auch Kritik an Ratzinger ergibt) in http://www.atheisten-info.at/downloads/geyer.pdf zusammengefaßt.

Keine Reaktionen auf Kritik

Das alles wurde 2011 im Internet veröffentlicht. In der Folge brachte ich Hinweise darauf nicht nur im Der Standard-Leserkommentar vom 9.6.2011 an, sondern verschickte sie mit der Bitte um Überprüfung an alle einschlägigen theologischen Institute österreichischer Universitäten (Fundamentaltheologie, Philosophie, Dogmatik, Systematische Theologie), an (erz-)bischöfliche Sekretariate sowie an jene vatikanische Stelle, die für den Dialog mit Ungläubigen geschaffen wurde.

Rückmeldungen sind mir nicht erinnerlich, und sicher bekam ich keine substanziellen. Dennoch möchte ich den kirchlichen Einrichtungen nicht ein derart unseriöses Verhalten unterstellen, dass sich gar niemand mit meinen Überlegungen zur kirchlichen Theologie auseinandergesetzt hat. Insofern scheint es mir also eher wahrscheinlich, dass auch manche der von mir Kritisierten von meiner Kritik erreicht wurden. Im Falle Ratzingers müßte das innerkirchlich eigentlich höchste Priorität gehabt haben.

Ob die Kraft meiner Argumente einerseits und die päpstliche Angst vor Gesichtsverlust oder schlichte Eitelkeit andererseits ausgereicht haben, den Rücktritt zu bewirken, wird natürlich unbeantwortet bleiben, wenn Ratzinger in wenigen Tagen auf Nimmerwiedersehen im Nonnenkloster verschwindet.

Eine Reaktionszeit von gut eineinhalb Jahren erscheint für kirchliche Vorgänge, die den Vatikan einbeziehen, eher flott. Andererseits könnte eine quasi existenzielle Glaubenskrise (“Vielleicht ist es aber wahr, was dieser – wie hieß er doch, ah ja, Geyer – da so schreibt”) die Sache beschleunigt haben.

Und da derzeit wieder über sexuelle Eskapaden, Korruption und Machtkämpfe im Vatikan spekuliert wird: Glaubensfragen haben dort wohl prinzipiell höhere Priorität. Denn wenn der Geist nicht willig ist, dann ist es in der ganzen Kirche ziemlich egal, wie es um das Fleisch bestellt ist.

Damit es hier aber wieder etwas weniger spekulativ wird: Wenn man mich vor dem Faschingsmontag gefragt hätte, ob der Papst zurücktreten soll, wäre mir ein “ja meinetwegen” garantiert völlig unbedacht entschlüpft.

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