Aus für den Ethikunterricht? Falsch gefragt!

ethikunterrichtDie Immerwährende Ethikdebatte: stets erhitzt und oft am Thema vorbei. Eine Replik, die keine ist. Von Eytan Reif

In seinem Kommentar „Aus für den Ethikunterricht?“ schaltete sich – endlich – Ethik-Schwergewicht Peter Kampits in die seit ein paar Wochen tobende Ethikdiskussion ein. Er brach, wenig überraschend, eine Lanze für den Ethikunterricht und legte der Bundesregierung nahe – freilich vor dem Hintergrund der budgetär beschränkten Möglichkeiten – Inhalte gegenüber Ausstattung den Vorrang zu geben. In seinem Kommentar monierte der ehemalige Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien, dass der Ethikunterricht in ewigen Schulversuchen zu verkommen droht und dass die derzeitige Bildungspolitik eher von Fetischen als von grundlegenden Überlegungen geprägt ist.

So weit, so gut (oder besser: schlecht). Auch wenn die besonnene Wortmeldung Kampits eine begrüßenswerte Abwechslung in diesem Diskurs darstellt, war sie dennoch enttäuschend. Das wahre Problem hat Kampits nämlich – bewusst und nicht zum ersten Mal – umschifft. Im Kern der über 15 Jahre alten Ethikdiskussion in Österreich steht nämlich primär die noch immer nicht geklärte Beziehung des Ethikunterrichts zum Religionsunterricht und Kampits hat in seinem Kommentar versäumt, sich dazu zu äußern. Sein Versuch, die Diskussion jenseits dieses Streits zu führen, ist naiv. Wer denkt, dass die österreichische Politik über sachliche Aspekte eines einzuführenden Schulfachs jahrelang so heftig diskutieren würde, verweigert die Realität.

Worum es wirklich geht

Wie vermutlich keine andere Demokratie ist Österreich DAS Land der Parteidisziplin. Facettenreiche Diskussionen über Gesetzesentwürfe –  geschweige denn über Entscheidungen des Ministerrats – lassen sich daher in Österreich, leider, weitgehend vermissen. Selbst bei Belanglosigkeiten gilt die Parteilinie als das Maß aller Dinge und es bedarf keiner übernatürlichen Fähigkeiten, um den Ausgang selbst unwichtiger Abstimmungen vorhersagen zu können. Und trotzdem gelingt es seit über 15 Jahren, also seitdem das LIF den ersten Entschließungsantrag zum Thema Ethikunterricht eingebracht hat, keiner Regierung, sich über die Überführung des Ethikunterrichts ins Regelschulwerk zu einigen. Parlamentarische Faulheit? Falsche Priorisierung? Mangelnde Finanzierung? Mitnichten!

Das Verlangen nach einem Ethikunterricht hat in Österreich – sowie allerdings auch in Deutschland Jahre zuvor – ausschließlich mit Problemen zu tun, die in Zusammenhang mit dem (immer weniger beliebten und immer weniger religiösen) Religionsunterricht in Verbindung stehen. Gäbe es nämlich keinen Religionsunterricht in Österreich, wäre niemand auf die Idee gekommen, einen Ethikunterricht einzuführen. Die gegenständliche Diskussion kann auf eine einzige, simple Frage reduziert werden: „Sind der Ethikunterricht und der Religionsunterricht gleichwertige Mittel der Werteerziehung in einer säkularen Gesellschaft?“.

Enorme Tragweite, scheinheilige Diskussion

Diese Frage, dessen Beantwortung selbst die (angeblich) sozialdemokratische SPÖ und selbst Die Grünen intern spaltet (die ÖVP, die in dieser Sache seit jeher wie eine kirchliche Vorfeldorganisation agierte, ist freilich vor einer internen Diskussion, wie bei der Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen, gefeit), trifft einen seit fast einem Jahrhundert blank liegenden Nerv. Die gewählte Einführungsmodalität des Ethikunterrichts wird nämlich nichts Geringeres als eine religionsrechtliche Zäsur epochalen Ausmaßes darstellen.

Als Ersatzpflichtgegenstand zum Religionsunterricht wird der Ethikunterricht nämlich das in Österreich geltende (und schlampig umgesetzte) Säkularitätsprinzip letal verletzen. Ein vom Religionsunterricht gänzlich entkoppelter und für alle Schüler verpflichtender Ethikunterricht wird hingegen, eher früher als später, das Ende des konfessionellen Religionsunterrichts mit sich bringen. Einen Weg der Mitte gibt es ebenso wenig wie eine ethisch absolut richtige Entscheidung oder eine auch nur halbwegs zufrieden stellende Lösung für das Theodizeeproblem.

Reden wir endlich zur Sache!

Die äußerst verstörende Wortspende Rudolf Taschners zum Thema, die Kampitz kurzerhand mit einem Hinweis auf die angebliche Inkompetenz ihres Verfassers gleich gar nicht behandelt hat, ist vielmehr dazu geeignet, den Diskurs weiterzubewegen als ein verhaltenes jedoch wenig aussagendes Pro-Ethik Plädoyer. Taschner wiederholte nämlich mit einer lobenswerten  Ehrlichkeit fast 1:1 die Kernargumente der ÖVP und des gesamten begleitenden Pro-Reli Lagers in Sachen Ethikunterricht. Und diese antidemokratische Gedankenkonstrukte von gestern könnten – Gott bewahre! – demnächst tatsächlich die Einführungsmodalität des Ethikunterrichts als Ersatzpflichtgegenstand zum Religionsunterricht bestimmen.

Es ist traurig, dass ausgerechnet Kampits in seinem Kommentar – wie allerdings auch seinerzeit bei seinem Beitrag im Rahmen der parlamentarischen Ethik-Enquete – sich auf das Unwesentliche konzentriert. Auch wenn er das Modalitätsproblem des Ethikunterrichts zu meiden scheint, um die Werterziehung voranzutreiben, schneidet er sich in der Tat ins eigene akademische Fleisch. Und sein offensichtlicher Unwille, endlich eine Linie zwischen Theologie und Philosophie zu ziehen, wird auch nicht gerade dem Ruf des von ihm geleiteten Lehrgangs „Ethik“ an der Uni Wien dienlich sein.

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