Christus, der sterbende Gott

Christus, der sterbende GottNein, das ist kein Rechtschreibfehler. Die Katholische Kirche ist besorgt, dass ihr imaginärer Freund aus den Köpfen der Menschen verschwinden könnte. Daher gibt es in der Steiermark seit einigen Monaten eine Aktion der Diözese Graz-Seckau, um auf den sterbenden Gott aufmerksam zu machen. „Auf Christus schauen“ nennt sich das.

Bewerkstelligt wird die Aktion dadurch, dass man Autofahrer mit gelben Kreuzen und Pfeilen auf der Fahrbahn vom Straßenverkehr ablenkt. Abgesehen davon, dass die Straßenverkehrsordnung nur Markierungen vorsieht, die den Verkehr betreffen (§ 55 StVO 1. Zur Sicherung, Leitung und Ordnung des fließenden und des ruhenden Verkehrs können auf der Straße Bodenmarkierungen angebracht werden), ist es schon erstaunlich, welchen Einfluss die Katholische Kirche auf staatliche Einrichtungen hat, um solch eine Aktion dennoch durchsetzen zu können. Man sollte meinen, so etwas gibt es seit Jahrhunderten nicht mehr, weil Kirche und Staat längst getrennt sind – oder etwa doch nicht?

Zum Glück gibt es da bereits einigen Initiativen, die sich dieser ungelösten Problematik annehmen wie z.B. laizismus.at oder religion-ist-privatsache.at.

Aber bleiben wir doch bei Jesus Christus, den die Katholische Kirche auf Biegen und Brechen zu retten versucht. Mittlerweile gibt es so viel wissenschaftliche Literatur zu seiner Person und Biografie (z.B. Karlheinz Deschner, „Abermals krähte der Hahn. Eine kritische Kirchengeschichte“, um nur ein Werk von vielen zu nennen), dass man getrost sagen kann: er ist eine literarische Figur, die nie real existiert hat und vom 2. bis 4. Jahrhundert in schriftlicher Form erfunden wurde (ähnlich wie Harry Potter heutzutage), gespeist aus verschiedensten vorchristlichen Traditionen von sterbenden und wiederauferstandenen Göttern (Dionysos, Mithras, Osiris, Herakles) und modelliert nach verschiedenen wundertätigen Personen (Johannes der Täufer, Asklepios, Pythagoras), die tatsächlich gelebt haben. Christus war bereits ein alter Hut, als er (angeblich) geboren wurde. Mithras feierte zu dem Zeitpunkt am 25. Dezember bereits ungefähr seinen 500. Geburtstag.

Eine Sache, die die Griechen und Römer den nachfolgenden Christen auch schon voraus hatten, war, dass ihnen bereits klar war, dass ihre Götter nur Erfindungen waren, Methaphern, Projektionen des menschlichen Vorstellungsvermögens. Dieses Wissen ist dann wohl im Zuge der Christianisierung verloren gegangen worden (sic!). Ebenso wie 90% des antiken Wissens, das mutwillig zerstört wurde (siehe z.B. „Agora“, einen überaus eindrucksvollen Film über die griechische Philosophin Hypatia und die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria durch einen christlichen Mob).

Angesichts der erdrückenden Fülle von Göttern, die es weltweit gibt (wir alle sind Atheisten in Bezug auf diese anderen Götter!), stellt sich für jeden denkenden Menschen schon die berechtigte Frage, was denn nun an diesem Jesus Christus so besonders sein soll und was ihn denn eigentlich von anderen Fantasiefiguren unterscheidet? Die Antwort, die sich spontan aufdrängt: gar nichts.

Klar, die Esoterik boomt, der Konkurrenzkampf ist hart, aber ist es den Anhängern von Feen oder Aufgestiegenen Meistern gegenüber nicht unfair, dass die Katholische Kirche die Möglichkeit hat, staatliche Dienste (Straßenerhaltungsdienst des Landes Steiermark, die Freiwillige Feuerwehr bzw. die Feuerwehrjugend, die Polizei sowie das Kuratorium für Verkehrssicherheit*) einzusetzen, um ihre Märchen zu verbreiten? Das grenzt hart an unlauteren Wettbewerb. Da könnte ja jeder kommen und sagen: Ich will auch!

Mal sehen, welcher Nachahmer als nächstes versucht, seine Reviermarkierungen auf die Straße malen zu dürfen!

Aber: Hirngespinste bleiben Hirngespinste. Der Staat hat sich aus solchen privaten Hobbies nicht nur tunlichst rauszuhalten, ganz im Gegenteil: in der Schule soll er durch einen philosophischen Ethikunterricht sicherstellen, dass unsere Kinder vergleichendes Wissen über alle Religionen vermittelt bekommen, damit sie verstehen, was Religionen sind: unser evolutionäres Erbe, das manch Brauchbares aber noch viel mehr entbehrlichen und sogar gefährlichen Unsinn enthält, der kritisch hinterfragt und entsorgt werden muss.

Was wäre so schlimm, wenn Christus auch nur ein Harry Potter ist? Die Idee der Nächstenliebe ist trotzdem gut.

Hanspeter Kriegl

PS: wer möchte, dass die Idee Jesus Christus nicht ganz aus unserem kulturellen Erbe verschwindet, dem sei entweder Monty Pythons Klassiker „Das Leben des Brian“ oder folgende Website: http://www.jesusdressup.com/ empfohlen. Viel Spass!

* http://www.graz-seckau.at/pressestelle/pressemeldung.php?we_objectID=21206

Weitere Kommentare zum Thema:

Quelle: http://www.giordano-bruno-stiftung.at/?p=197

This entry was posted in Religion and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>