Wie sichtbar darf Religion sein?

GRAZ. Unter diesem Motto diskutierten am 26.5.2010 Vertreter von Wissenschaft, Religion und Konfessionsfreien in den Grazer Minoritensälen. Veranstalter der Podiumsdiskussion war das ETC Graz unter der Leitung von Wolfgang Benedek (Menschenrechtsbeirat der Stadt Graz).

„Gipfelkreuz und Minarett“, das waren laut Veranstaltungstitel die beiden architektonischen Landschaftsmarken, über die u.a. diskutiert werden sollte – wobei man sich verwundert fragen durfte, warum es nicht „Kirchturm und Minarett“ geheißen hatte? Vielleicht, weil die Diskussion sich dann erübrigt hätte? Dass der Bau von Gebetshäusern wie Kirchen, Moscheen und Synagogen den verschiedenen Religionsgemeinschaften erlaubt ist, steht ja außer Frage (in Graz sind derzeit zwei Moscheen in Planung). Außerdem wäre dadurch eine andere unangenehme Frage aufgeworfen worden. Wenn nämlich Minarette tatsächlich verboten würden (mit dem Argument, dass Gotteshäuser nicht so prominent sichtbar sein dürfen), müsste man dann nicht auch Kirchtürme verbieten bzw. wären sie dann nicht automatisch ebenso verboten?

Die Kirche wurde von ihren Mitgliedern entmachtet

Eröffnet wurde die Diskussion vom Pastoraltheologen Rainer-Maria Bucher, der von Moderator Klaus Höfler (Die Presse) aufgefordert worden war, die „wissenschaftliche Sicht der katholischen Kirche“ auszuführen. War hier die Rede von derselben katholische Kirche, die Jahrhunderte lang Wissenschaftler aufs Heftigste bekämpft hatte? Und was bedeutet überhaupt wissenschaftlich in einer Disziplin, deren grundlegendes Konzept (Gott), sich weder verifizieren noch falsifizieren lässt, sich also der wissenschaftlichen Methode prinzipiell entzieht?
Bucher überging die Irritation und wählte eine auffallend zurückhaltende und fast übertrieben demütig und bescheiden anmutende Gangart, indem er postulierte: „Religion bestimmt auch bei den Katholiken nicht mehr das Leben. Die Kirche wurde von ihren eigenen Mitgliedern entmachtet.“ Manch einer konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier vordringlich um Beschwichtigung und Abwiegelung ging, da die Kirche derzeit aufgrund der zahlreich bekannt gewordenen Missbrauchsfälle schwer in Bedrängnis geraten ist.

Bekenntnis zur Macht

Außerdem: was bedeutet entmachtet? Selbst wenn die Mitgliederzahlen der katholischen Kirche auf ein absolutes Minimum sinken würden: ihre gesetzlich geregelten Privilegien verliert sie dadurch jedenfalls nicht. Es gibt also de facto keinen Machtverlust – was noch zwei interessante Aspekte zur angeblichen Entmachtung aufwirft:
1. Heißt es nicht, Kirche (ekklesia), das sind wir, die Gemeinschaft der Christen? Wenn die Entmachtung der Kirche beklagt wird, meint man doch wohl eher, dass die herrschende Schicht in der Kirche sich durch ihre eigene Herde bedroht fühlt, die ihre massive Unzufriedenheit mit dem Führungsstil der Obrigkeit immer deutlicher zum Ausdruck bringt.
2. Impliziert die Rede von Entmachtung nicht, dass es prinzipiell um Macht geht und gar nicht sosehr um Religion? Ist das nicht ein Bekenntnis zu Macht und Vorherrschaft, die erhalten und gestärkt werden müssen?
In einem Punkt jedenfalls waren sich der Theologe Bucher und der Völkerrechtler Benedek einig: das Menschenrecht der Religionsfreiheit bedeutet die Freiheit sich zu einer Religion oder Weltanschauung zu bekennen und diese auch zu wechseln ebenso wie die völlige Freiheit von Religion.

Alles, nur nicht beleidigen

Auch Mahdi Mekić, Vertreter der Muslimischen Gemeinschaft Steiermark, einem Verein von etwa 800 größtenteils bosnischen Familien, bekannte sich (ebenso wie Bucher zuvor) zur säkularen Demokratie: „Wir leben in einer offenen Gesellschaft“. Jeder könne tun und sagen, was er wolle. Allerdings mit einer Einschränkung: Frotzelei, Erniedrigung oder Beleidigung aufgrund des religiösen Bekenntnisses wären für ihn nicht in Ordnung. Was die berechtigte Frage aus dem Publikum aufwarf, wie es denn dann mit der Meinungsfreiheit und der Freiheit der Kunst aussehe, speziell auch im Hinblick auf Witze und Karikaturen. Das wollte Mekić nicht weiter kommentieren. Er verwies darauf, dass er dazu bereits Stellung genommen hätte.
Das Recht auf freie Meinungsäußerung stellt jedenfalls sicher, dass man Religionen und Weltanschauungen kritisieren und, wenn man das möchte, auch verspotten kann. Religionsfreiheit schützt nicht vor Beleidigung, da dieses Menschenrecht keine spezifischen Inhalte schützt, sondern lediglich die freie Wahl und Ausübung einer Religion bzw. Weltanschauung sicherstellt. In einer westlichen Demokratie zu leben bedeutet eben auch, dass man Kritik an seinen Überzeugungen aushalten muss. Beleidigt sein darf man natürlich, aber es berechtigt einen sicherlich nicht zu Vergeltungsmaßnahmen.

Gleichberechtigung für Konfessionsfreie

Philippe Lorre, Vertreter des Zentralrates der Konfessionsfreien in Österreich, ging ausführlich darauf ein, worauf Demokratie gründet und dass der Gleichheitsgrundsatz ein wesentliches Prinzip darstellt. Dieser bedeutet, dass der Staat nicht Partei für eine bestimmte Gruppe ergreifen, diese bevorzugen und somit andere diskriminieren darf. Der Staat ist, was staatliche Einrichtungen wie Parlament, Schulen oder Gerichte betrifft (im Gegensatz zum öffentlichen Raum, auf der Straße, wo selbstverständlich alles sichtbar sein darf), verpflichtet, sich neutral zu verhalten, er darf hier nicht aufgrund der in den Menschenrechten aufgezählten Kategorien (wie Rasse, ethnische Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion oder Weltanschauung) Personen bevorzugen oder benachteiligen oder bestimmten Interessensvereinigungen mehr Macht oder Privilegien einräumen als anderen.
De facto leben wir aber mit diesem verfassungswidrigen Zustand, da die anerkannten Religionsgemeinschaften z.B. in den Schulen stark präsent sind und Einfluss nehmen können (über Symbole wie das Kreuz oder den konfessionellen Unterricht, der staatlich finanziert wird), während alle anderen religiösen Minderheiten bzw. Menschen ohne religiöse Weltanschauung dieser Diskriminierung ausgesetzt sind und um Gleichberechtigung kämpfen müssen wie Schwarze, Frauen und Homosexuelle.

Dann hängen wir doch alle Symbole an die Wand!

Daraufhin gab es einen interessanten Schulterschluss zwischen Katholiken und Muslimen. Obwohl ihrer Ansicht nach in einem säkularen Staat in Übereinstimmung mit der Religionsfreiheit in den Schulen eigentlich keine religiösen Symbole aufgehängt werden dürften, plädierten sowohl Bucher als auch Mekić dafür, im Zweifelsfall doch lieber allen Gemeinschaften zu erlauben, ihre religiösen Symbole in den Klassenzimmern aufzuhängen. Das entlarvte die Aussagen zur säkularen Demokratie (Bucher: „Die Verfassung ist das normative Element des Zusammenlebens“) dann doch eher als Lippenbekenntnisse.
Bucher legte sogar noch nach, indem er behauptete: „Demokratie ist nicht die Herstellung von Neutralität.“ Aber was bedeutet denn der Gleichheitsgrundsatz anderes, wenn nicht die Neutralität des Staates, die Verpflichtung, Menschen nicht ungleich zu behandeln?
Derartige Aussagen bekräftigen nur, dass es dringend notwendig ist, unseren Staat wirklich zu säkularisieren (siehe Laizismus-Initiative zur Trennung von Staat und Religion) und dadurch jegliche Privilegierung und staatliche Förderung von Religionsgemeinschaften ersatzlos abzuschaffen – weil die Religionsfreiheit dadurch nicht eingeschränkt, sondern endlich erst für alle möglich wird.
Die freie Ausübung einer Religion ist ja nicht davon abhängig, ob man vom Staat anerkannt und finanziert wird, wie alle religiösen Minderheiten wissen, die derzeit diskriminiert sind und dennoch ihren Glauben tagtäglich leben.

Katholisches Hoheitsgebiet

Kommen wir zum Schluss doch noch einmal auf die Gipfelkreuze zurück, die in der Podiumsdiskussion selbst kein einziges Mal erwähnt wurden. Kreuze als Wegmarken aufzustellen war ein Brauch, der in Europa bereits mit der Christianisierung Verbreitung fand. Die Errichtung von Gipfelkreuzen hingegen ist ein Phänomen, das erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte – und zwar hauptsächlich in den katholisch geprägten Alpen. In anderen Kulturen werden Berggipfel entweder überhaupt gemieden, weil sie als Sitz der Götter angesehen werden, oder durch andere religiöse Symbole markiert wie z.B. Stupas und Gebetsfahnen in buddhistischen Gebieten.
Wie sichtbar darf Religion nun also sein? Der Status quo in Österreich sieht so aus, dass die Vorrangstellung der katholischen Kirche unangefochten ist: Gipfelkreuze markieren „von oben herab“ gesamte Landstriche, nach Moscheen, Stupas oder Synagogen hingegen muss man gezielt suchen.
Die Menschenrechte würden allen Weltanschauungen (religiösen wie nicht-religiösen) gleiche Bedingungen zugestehen, der Alltag sieht jedoch so aus, dass sowohl religiöse Minderheiten als auch Konfessionsfreie, die rund 23 % der österreichischen Bevölkerung ausmachen, sich ihre Rechte mühsam gegen massiven Widerstand Stück für Stück erkämpfen müssen – nicht zuletzt deshalb, da der Vatikan als einziger europäischer Staat bis heute die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet hat.

Hanspeter Kriegl

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