Die Angst vor der eigenen Sinnlosigkeit

Markus Arch

Markus Arch

Von Markus Arch: http://markusarch.posterous.com/die-angst-vor-der-eigenen-sinnlosigkeit

Meines Erachtens nach ist das Festhalten vieler Menschen an einer Religion auch damit zu erklären, dass sie gewissermaßen Angst davor haben nichts Besonderes zu sein. Mit Religion meine ich auch die Religion Light, also der in Europa am meisten verbreitete Glaube. Kaum ein bekennender Christ hierzulande glaubt wohl wirklich noch an eine Jungfrauengeburt, an die Wiederauferstehung oder ähnliche Unsinnigkeiten. Trotzdem wird an einer höheren Macht festgehalten, nicht zwangsläufig Jesus oder Gott, aber irgendetwas muss es da doch geben dass uns und das Universum geschaffen hat. Fragt sich nur, wieso eigentlich.

Laut den bisherigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ist der Mensch nicht das Produkt einer zielgerichteten Entwicklung, sondern per Zufall im evolutionären Prozess entstanden. Wir sind keine “höheren” Wesen mit besonderen Eigenschaften, auch wenn unsere Eitelkeit gerne hätte dass es so wäre. Auch unser “Geist” oder unsere “Seele” sind gerade dabei mittels wissenschaftlicher Methoden entschlüsselt zu werden. Nach neueren Erkenntnissen aus der Hirnforschung sowie aus der Soziobiologie ist alles was uns als Menschen ausmacht, also Gewissen und andere anscheinend geistige Phänomene, nichts Gottgegebenes sondern aus der Materie entstanden. Anders ausgedrückt, ebenfalls wieder mittels Evolutionstheorie zu erklären. Was uns zwangsläufig dazu führt, den Menschen innerhalb der Natur keine Sonderstellung mehr zuschreiben zu können.

Für einen einzelnen Menschen mag es vielleicht erstmals schockierend sein, dass auch er nur durch Zufall und völlig ohne irgendeinen sichtbaren Sinn existiert. Die gesamte Menschheit wird untergehen, wenn nicht durch Eigenverschulden oder andere Einflüsse (womit ich persönlich stark rechne), dann spätestens wenn die Sonne implodiert. Was passieren wird in ferner Zukunft. Übrigens sind wir auch nur ein evolutionäres Zwischenstadium, die Entwicklung ist durch uns noch lange nicht abgeschlossen. Wieso sollte sie auch? Wenn sich alle Formen des Lebens durch Evolution entwickelt haben, warum sollte dieser Prozess genau bei uns aufhören?

Die Frage ist nun, ob diese Erkenntnisse nicht kränkend sein können. Das Leben oder gar das heutige Universum an sich, nichts anderes als durch Zufall entstandene Phänomene? Momentan sieht es ganz danach aus. (Natürlich weiß ich dass es nicht ganz so einfach ist wie ich hier beschreibe, aber ich möchte hier auch keine Einführung in Evolutionsbiologie, Soziobiologie oder andere Bereiche geben. Meine Frage ist eine andere)

Jedenfalls scheinen diese Dinge nicht sehr tröstend zu sein, was uns wieder zum Festhalten an eine höhere Macht führt. Auch dass wir nach unserem Tod ganz einfach tod sind und nicht in irgendeinem Jenseits fortbestehen, ist auf den ersten Blick nicht gerade berauschend. Ich aber frage mich nun, wieso ein wie auch immer geartetes ewiges Leben tröstend sein soll? Ich empfinde es eher als schrecklich ewig irgendwo sein zu müssen. Auch ohne Himmel und Hölle- Prinzip, egal was für ein Ort das sein soll, ich bin lieber endgültig weg anstatt mich in alle Ewigkeit dort herumzuärgern.

Natürlich kann man jetzt sagen, ich bin gesund und jung und der Tod liegt für mich noch weit entfernt. Krankheiten, tragische Schicksalsschläge oder ähnliches sind mir nicht passiert. Stimmt auch und ich bin froh drüber. Der Unterschied ist nur dass, selbst wenn es so wäre, eine Erklärung ala “Der liebe Herr hat ihn zu sich geholt” ist in solch einem Moment doch noch sinnloser wie eine ala “das passierte aus diesen oder jenen Gründen”. Nicht gerade feinfühlig ausgedrückt: Das Leben ist Zufall, allein dass man lebt sollte doch jedem nicht größenwahnsinnigen Menschen genügen. Die Natur schert sich nicht um unsere Eitelkeit.

Okay…klingt wieder sehr hart. Ich frage mich nun was uns denn davon abhalten würde, einem sinnlosen Leben selbst einen Sinn zu verleihen? Nur weil wir Krankheiten, Schicksalsschlägen, dem Tod und weiterem also ohne eine höhere Macht ausgeliefert sind bedeutet das doch noch lange nicht, dass wir nichts dagegen tun können. Die moderne Medizin inklusive ihrem Teilbereich Naturmedizin (nicht zu verwechseln mit diesem ganzen Alternativheilmittel- Blödsinn) hat auch ohne Gott schon ganz gut geholfen und ist dabei sich weiterzuentwickeln. Einem Menschen in harten Zeiten hat ein Gebet noch nie so viel geholfen wie Medizin, sein soziales Umfeld oder in schwereren Fällen ein Psychologe oder Psychiater. Natürlich kann man nun sagen, ja unser sozialer Sinn, unser moralischer Sinn usw. müsse doch Beleg für etwas Höheres sein….Nein, leider nicht. Soziobiologie, vor allem die Erforschung des Altruismus, sowie auch Hirnforschung und Anthropologie sagen da etwas ganz anderes. Und ja, dies ist vielleicht nicht immer oder nicht ganz richtig, was Wissenschaft nunmal so an sich hat. Aber immerhin sehr viel richtiger als so ein metaphysisches Alphamännchen.

Wir sollten unsere “schlechten” Eigenschaften wie etwa Egoismus hinnehmen und akzeptieren. Wobei vermutlich auch ein gewisser Teil unseres Egoismus es nicht wahrhaben will, dass wir nicht schon von Natur aus etwas Besonderes sind. Dennoch, eine Lebensgrundlage, besser gesagt eine lebensbejahende Grundlage, lässt sich auch problemlos auf der “Sinnlosigkeit des Seins” aufbauen. Als Beispiel den evolutionären Humanismus, eine demokratiebejahende und überaus menschenfreundliche Weltsicht, ganz ohne religiöse Ausschmückung:

“Wesentliche Merkmale des Evolutionären Humanismus sind eine kritisch-naturalistische Weltanschauung, Säkularismus und eine vernunftbasierte allgemeine Ethik (in Abgrenzung zur traditionellen, religiös geprägten Moral). Diese Ethik wendet sich gegen die Postulierung von unumstößlichen Dogmen und sieht auch moralisches Handeln in einem evolutionären Prozess begriffen, der sich neuen Erkenntnisgewinnen und veränderten sozialen Begebenheiten anpassen können muss. Darüber hinaus grenzt sich der evolutionäre Humanismus klar von speziesistischen und sozial-darwinistischen Weltbildern ab, welche den Interessen von verschiedenen Spezies oder Individuen prinzipiell ein unterschiedliches Gewicht einräumen möchten.”

Hört sich vielleicht kompliziert an, ist aber ganz einfach. Jedenfalls ist diese unsere Sinnlosigkeit kein Hindernis um ein uns entsprechendes glückliches Leben führen zu können, ganz im Gegenteil. Ein vorgegebener Sinn wäre genauso wie ein ewiges Leben eine Einschränkung für jedes Individuum, oder auch ein Schreckensszenario.

Wir sollten unsere infantilen Hoffnungen langsam aufgeben und mit möglichst rationaler Denkweise die uns betreffenden Probleme angehen. Genau daraus haben sich alle menschlichen Errungenschaften auch entwickelt. Der Tod ist übrigens ein Teil des Lebens, also sehe ich auch keinen Schrecken darin. Nach dem Tod ist es so wie vor unserer Geburt…also, was ist schlimm daran?

Die Sinnlosigkeit ist das Positivste, dass uns Menschen überhaupt passieren kann, zumindest im Vergleich zu den denkbaren Alternativen. Somit können wir uns einen eigenen Sinn suchen und uns eine eigene Ethik aufbauen, gestützt auf unserer evolutionär entstandenen altruistischen Neigung.

Die Neigung, an etwas Höheres zu glauben kann ich ja durchaus verstehen, aber ich kann auch verstehen dass ein Kind glaubt, wenn seine Mama das Licht anlässt, kommen nachts keine bösen Monster dahergelaufen. Den Unterschied zwischen diesen zwei Glaubensarten kann ich nur nicht verstehen.

Quellen (zumindest solche die ich hier angeben kann): http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution%C3%A4rer_Humanismus, http://de.wikipedia.org/wiki/Soziobiologie, http://www.giordano-bruno-stiftung.de/

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