Die Macht der Phantasie: sie gibt luftigem Nichts eine Bleibe

Von Hanspeter Kriegl 

In seinem Buch „Und Mensch schuf Gott“ zeigt der französische Psychologe und Anthropologe Pascal Boyer, dass der Ursprung von Religion, von Glaube und Aberglaube in der Konstruktion unseres Gehirns zu finden ist. Der Mensch erfindet übernatürliche Protagonisten – weil er es kann und weil es ihm (bisher) genützt hat. Eine Zusammenfassung der wesentlichen Argumente.

Die Art und Weise, wie unsere ganz normalen Erkenntnissysteme funktionieren, erklärt in weiten Teilen das menschliche Denken einschließlich der religiösen Gedanken. Diese Erkenntnissysteme im menschlichen Gehirn leisten ihre Arbeit unbewusst, der bewusste Zugriff ist nicht möglich (S.29).

Wahrnehmen setzt eine bestimmte Gruppe von Erkenntnissystemen in Gang, z.B. Intuitive Physik, Zielerkennung, intuitive Psychologie, Struktur-Funktion, Belebtheit, Intentionalität. Der Output dieser Systeme entspricht bestimmten ontologischen Kategorien: Tier, Person, Werkzeug, Naturobjekt, Pflanze, unreine Substanz, Gesicht etc.

Religiöse Vorstellungen sind nun so aufgebaut, dass sie einer ontologischen Kategorie entsprechen und zusätzlich ein besonderes Merkmal haben, das einen Verstoß gegen die Schablone, gegen die ontologische Erwartung darstellt, also kontraintuitiv ist.

Daraus ergibt sich eine nur sehr begrenzte Anzahl übernatürlicher Schablonen:

  • Person/Tier: kontraintuitive Eigenschaften: physisch (Geist), biologisch (unsterblich), psychisch (allwissend).
  • Werkzeuge/Artefakte: kontraintuitive Eigenschaften: biologisch (z.B. Statue blutet), psychisch (z.B. Statue hört).

Wichtig für die kulturelle Weitergabe ist, dass ontologische Verstöße besser erinnert und übermittelt werden, und zwar einzelne besser als mehrere zugleich.

Religiöse Ideen sind daher nichts weiter als kognitive Artefakte (Fehlschlüsse), die sich behaupten, weil sie unsere Erkenntnissysteme auf besondere Weise ansprechen.

Jagen und gejagt werden

„Geist“ ist die einzige menschliche Eigenschaft, die übersinnliche Wesen weltweit immer aufweisen. Götter und Geister werden als Personen vorgestellt, weil wir es gewohnt sind, mit Personen (sozial) zu interagieren. Allgemeiner gesprochen geht es darum, Akteure zu erkennen bzw. noch allgemeiner Aktivität. (S.177)

Unser Aktivitätserkennungssystem ist tendenziell übermotiviert, da es extrem wichtig ist jederzeit Raub- oder Beutetiere zu erkennen, da wir beides sein können. Es geht um Jagen und gejagt werden. Das System macht einfach Akteure aus, ohne zu bestimmen, welcher Art diese sind. Im Jagdkontext ist es gefährlich, etwas zu hören ohne es zu sehen oder etwas zu sehen ohne es zu hören: das macht Geister so furchterregend. (S.180)

Götter und Geister sind stabile Ideen aufgrund der ständigen Warnungen der Mitmenschen vor ihnen, selten aufgrund eigenen Erlebens. (S.184)

Strategische Informationen

Mit Akteuren zu interagieren setzt soziales Bewusstsein voraus. Ein Grundprinzip der intuitiven Psychologie ist die eingeschränkte Verfügbarkeit von Informationen. Daher verwenden Menschen viel Zeit und Energie darauf herauszufinden, welche Informationen für andere strategisch sind (dann kann man kontrollieren und beeinflussen). „Strategisch“ sagt jedoch nichts über die jeweilige Information selbst aus, sondern nur über das Bewusstsein des Wahrnehmenden. Deshalb ist Klatsch so wichtig, um an solche strategischen Informationen heranzukommen.

Übernatürliche Akteure sind nun Wesen/Personen, die jederzeit über alle strategischen Informationen verfügen. Nichts, was passiert, bleibt ihnen verborgen. (S.194) Menschen gehen davon aus, dass Gott jene Informationen kennt, die für sie selbst strategisch sind. (S.197)

Moralische Gewissheiten

Es gibt nun drei Modelle wie übernatürliche Wesen gesehen werden, als:
1. Gesetzgeber, 2. Vorbild, 3. interessierte Partei.
Nur das dritte Modell ist am weitesten verbreitet, die beiden anderen sind Zierrat. Gebote sind zu allgemein, Vorbilder zu speziell, als dass sie praktisch nutzen würden. 

Moralische Gewissheiten sind Bestandteil unserer mentalen Bereitschaft zur sozialen Interaktion.

  • Wir haben die Gewissheit, dass ein Verhalten objektiv recht oder unrecht ist, unabhängig vom Standpunkt (obwohl das nicht so sein muss)
  • Übernatürliche Wesen sind interessierte Partei in moralischen Entscheidungssituationen.

Diese beiden Punkte sind Aspekte desselben mentalen Prozesses.

Unsere moralischen Gewissheiten sind für uns selbst eindeutig, ihre Herkunft bleibt uns aber verborgen, da diese Prozesse unbewusst ablaufen. Moralische Gewissheiten als Sicht eines anderen Wesens zu sehen, erleichtert zu verstehen, warum wir sie haben. Das macht aber die Vorstellung eines Akteurs mit vollständiger Verfügung über strategische Informationen nötig (der zudem eine interessierte Partei ist). (S. 236)

Erklären lässt sich unser moralisches Denken allein aus der Evolution, als auf Kooperation angewiesene Art. Religiöse Akteure sind für die Erklärung nicht nötig. Gibt es aber solche Vorstellungen gewinnen sie an Relevanz, weil sie leicht in das vorhandene moralische Denken integriert werden können. Religiöse Vorstellungen sind daher parasitär zu unseren moralischen Gewissheiten.

Religiöse Ideen sind deshalb besonders erfolgreich, weil sie mit Hilfe von Fähigkeiten kultiviert werden, über die wir ohnehin verfügen. Wir haben moralisches Denken: das erleichtert es uns, religiöse Ideen zu haben. (S. 250)

Fazit: Warum glauben wir?

Die Erfindung von religiösen Begriffen setzt mentale Systeme und Fähigkeiten voraus, die ohnehin da sind. Religiöse Morallehren stützen sich auf unsere intuitiven moralischen Gewissheiten. Religiöse Ideen leben also wie Parasiten von anderen geistigen Fähigkeiten. (S. 370)

Nicht jeder beliebige Glaube konnte die Menschen in seinen Bann ziehen, nur ein begrenzter Teil der Vorstellungen vom Übernatürlichen, die folgende Erkenntnissysteme gleichzeitig aktivieren, war dazu in der Lage: Aktivität-und-Wirken, Jagd-und-Beute, Tod, Moral und sozialer Austausch. Nur wenige Ideen schaffen diese Mehrfachrelevanz, deshalb weisen alle Religionen gemeinsame Grundzüge auf. (S. 391)

Es gibt keinen religiösen Trieb, keine religiöse Veranlagung (Gen), kein Religionszentrum im Gehirn. Religiöse Menschen unterscheiden sich in den kognitiven Funktionen nicht von nichtreligiösen. (S. 396)

Glaube ist nur ein Nebenprodukt der Art und Weise, wie unser begriffliches und unser schlussfolgerndes Denken ihre Arbeit verrichten – und Fehlurteile bilden! Religiöse Ideen sind kognitive Artefakte (Fehlschlüsse).

Menschen sind soziale Wesen

Rituale sind nicht für das „Gemeinschaftsgefühl“ nötig, dieses ist da. Rituale vermitteln bloß die Illusion, sie würden dieses Gefühl „erzeugen“ und wären daher unverzichtbar, um es aufrecht zu erhalten. Im Gegenteil, Rituale sind möglich, weil es ein Gemeinschaftsgefühl gibt. Menschen sind soziale Wesen und fühlen sich von Natur aus verbunden.

Für all jene Phänomene, für die wir keine Erklärung haben, weil die Erzeugung der Information unbewusst abläuft, erfinden wir Erklärungen.

Wie schon der Dichter sagte: Unsere unbewussten Erkenntnisvorgänge „geben einem unwirklichen Nichts (der Religion, die aus unserer Phantasie, unserer Einbildungskraft entspringt) eine Wohnstatt und einen Namen“ (The poet’s pen … gives to airy nothing a local habitation and a name. Shakespeare, Mittsommernachtstraum V.1.15).

Theseus. Und so, wie die Phantasie die Formen unbekannter
Dinge verkörpert, verwandelt sie die Feder des Dichters
zu Gestalten und gibt luftigem Nichts
eine räumliche Bleibe und einen Namen.
Solche Kunststücke vollbringt die starke Phantasie,
dass, wenn sie eine Freude auch nur empfinden möchte,
sie sich schon einen Bringer jener Freude vorstellt;
oder in der Nacht, wenn man sich Furcht einbildet,
wie schnell hält man einen Busch für einen Bären?

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