Sinn ist, wenn man sagen kann: es war gut

Es wird oft behauptet, das Leben von Menschen, die keinem religiösen oder spirituellen Glauben anhängen, wäre leer und sinnlos. Aber warum sollte das so sein? Sind es nicht grundlegende menschliche Bedürfnisse wie jene nach Wertschätzung und Zuneigung, die das Leben bereits lebenswert machen, lange bevor ein Baby überhaupt seinen ersten bewussten Gedanken fassen kann?

Was ist überhaupt „Sinn“?

„Das Nomen Sinn, ahd. sin = Weg, Richtung, Strecke, mit den Sinnen wahrgenommene Orientierung, ursprünglich von germanisch sinpa = Weg, Gang, Reise und „sinnan“ = reisen, streben, gehen, zusammen mit dem gesinde = Reisegefährten (vgl. auch senden) zeigt, daß es – wie bei so vielen abstrakten oder kognitiven Begriffen (erfassen, begreifen, erfahren, verstehen) – um ein Wort geht, das vom unmittelbar sinnenhaft Erlebten und „mit den Händen“ im konkreten Handeln (ahd. hantalon) auf dem Lebensweg (sin) Erfahrenen, spürend Begriffenen, bestimmt ist […]. Der Drehsinn (des Uhrzeigers) und Richtungssinn (rechts-/linkssinnig, aber auch: mir steht der Sinn nach … rechts oder links) verweist noch auf das Moment der Orientierung (im Gelände, auf dem Wege, in der Welt, in der Weltanschauung, in der politischen Landschaft, im Zeitgeist, in geschichtlichen Strömungen), durch das leibhaftig mit den Sinnen des Leibes Erspürte, Gefühlte, Wahrgenommene (vgl. lat. sentire)“ (Petzold 2001k, S. 7)

Wenn Sie auf Ihr gesamtes bisheriges Leben blicken: Welchen Sinn hat es? Welche Sinne hat es oder hatte es? Schließlich kann das, was Sie als sinnvoll empfinden, sich im Laufe der Zeit verändern; vielleicht haben Sie neuen, anderen Sinn gefunden, weil früherer Sinn seine Bedeutung für Sie verloren hat?

Und welchen Zweck (welche Zwecke) verfolgen Sie in Ihrem Leben? Sinn und Zweck sind keineswegs dasselbe. Zweck ist ein Ziel, ein Ergebnis, das erreicht werden soll, eine Aufgabe, die man erfüllt. Sinn hingegen hat nicht notwendigerweise mit dem Ergebnis zu tun, man sieht oder findet ihn oft erst rückblickend oder auch gar nicht. Es hängt davon ab, wie ich das, was geschehen ist, betrachte, bewerte, verstehe, welches Muster, welchen Sinn ich darin erkenne bzw. hineinlege – welchen Sinn ich quasi erschaffe oder konstruiere.

Interpretationen der Wirklichkeit

„Jede Kultur hat die Pünktchen der Sterne am Himmel zu anderen Konstellationen mit Linien verbunden. Der Zufälligkeit wurde eine Ordnung gegeben, um sie zu verstehen. Wenn wir ein Muster erkennen können, dann sehen wir einen Sinn.“ (Marinoff 2002, S. 236)

Derartige Deutungen oder Bedeutungszuweisungen gehören zur Natur des Menschen, es ist etwas, das wir tun, um in der Welt handeln zu können. Um handeln zu können müssen wir wissen, was das, was wir wahrnehmen, bedeutet. Wir müssen es interpretieren, um es zu verstehen. Mehr noch, wir müssen ihm eine Erklärung zuweisen, ihm Sinn geben.

Wesentlich dabei ist, dass der erschaffene Sinn immer ein Gemeinschaftsprodukt an einem gegebenen Ort zu einer gegebenen Zeit ist und keine allgemeine, ewig während Gültigkeit besitzt (vgl. auch Ferry 2007).

Sinnsuche ist ein Lernprozess

Sinn – persönlicher und gemeinschaftlicher – entsteht aus der Verknüpfung und Interpretation von erlebten, erfahrenen Wirklichkeiten, d. h. auf dem Lebensweg sinnenhaft wahrgenommener Welt und erlebniskonkret aufgenommener Geschehnisse in der Welt, an denen Subjekte beteiligt sind und über die sie sich in Konsens- und Dissensprozessen auseinandersetzen. […] In der Lebensspanne und in sich wandelnden sozialen Netzwerken bzw. „social worlds“ als sozialen Sinngemeinschaften in solchen Netzwerken (Petzold 1993) müssen wir uns deshalb immer wieder fragen: Ist mein/unser Sinnverhältnis, sind meine/unsere Interpretationen von Wirklichkeit denn noch genauso, wie sie dermaleinst waren? Oder sind die verschiedenen Sinn- und Bedeutungszuweisungen im Leben, die ich/wir gemacht haben, nicht doch sehr nachhaltig verändert worden durch das Leben? Es gilt sich dabei immer wieder deutlich zu machen, daß derartige Fragen stets sozial kontextualisiert und temporalisiert werden müssen, denn man fährt nicht allein auf der Lebensstrecke, sondern man reist im Konvoi (mit Reisegefährten, Reisigen [bewaffneten Reitern, HK], Gesinde, für den Fall, daß man auf Gesindel trifft).“ (Petzold 2001k, S. 67)

Den“ Sinn gibt es nicht. Niemand (keine Religion, keine Wissenschaft, kein Staat) kann Anspruch auf absolute, ewige Wahrheiten erheben. Sinn zu finden ist ein intersubjektiver Prozess, der das ganze Leben währt und dabei immer wieder neue Ergebnisse kreiert.

„Sinnsuche ist ein Lernprozess, Sinnfindung ein Akt gelungenen Lernens.“ (Petzold 2001k, S. 39)

Menschenliebende Lebenspraxis

In den verschiedenen Kulturen rund um den Globus hat man sich im Laufe der Geschichte immer wieder auf neue bzw. weiter ausgearbeitete Vorstellungen geeinigt, die als „sinnvoll“ und erstrebenswert erachtet wurden. 

„Das Gute, das Wahre und das Schöne und das Sinnvolle, Sinnhafte, Sinnreiche als solches in religiöser und säkularer (oder auch säkularisierter) Form werden als Quellen von Sinn, Sinnerleben, Sinnfindung, Sinnstiftung gesehen.“ (Petzold 2001k, S. 62) „In beiden Orientierungen, der sakralen wie der säkularen, werden oftmals ein engagierter und kultivierter Altruismus und eine Gemeinwohlorientierung (das Tun eines Guten) als bedeutende Sinngeneratoren angesehen. Sinn ist eine menschenliebende Lebenspraxis aktiver und konkreter Hilfeleistung als ‘Dienst am Menschen‘.“ (Petzold 2001k, S. 59)

Dass Menschen anderen Menschen helfen, ist ein seit jeher beobachtbares Phänomen. Doch woher kommt der Antrieb, die Motivation?

Wir sind soziale Wesen

Ein sehr grundlegender, biologisch begründeter Sinn des Lebens (einer unter vielen Sinnen) besteht ganz offensichtlich darin, gelingende zwischenmenschliche Beziehungen zu führen.

Kern aller Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben. Wir sind – aus neurobiologischer Sicht – auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen.“ (Bauer 2006, S.36) „Wer Menschen nachhaltig motivieren will […], muss ihnen die Möglichkeit geben, mit anderen zu kooperieren und Beziehungen zu gestalten.“ (Bauer 2006, S.63)

Die Quellen der Sinnerfüllung

Im biopsychosozialen Modell, das den Körper-Geist-Dualismus abgelöst hat, werden die seelischen und geistigen Prozesse des Subjekts nicht mehr dualistisch abgespalten vom Körper, sondern als an die materielle Grundlage eines funktionsfähigen Gehirns gebunden und dabei von den soziokulturellen, gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt gesehen.

Gelingende Beziehungen sind nicht „der Sinn des Lebens“ für alle und jeden und immerdar. Da wir Wesen sind, die der dynamischen Selbstorganisation unterliegen, sind Beziehungen eher als (Lebens-)Basis und (Handlungs-)Struktur zu sehen. Mit dieser Grundausstattung sind wir in der Lage, uns permanent an veränderte körperliche, soziale, politische, ökologische, kulturelle, … Gegebenheiten anzupassen, diese und uns zu verändern und somit unsere Quellen der Sinnerfüllung permanent zu erweitern.

Hanspeter Kriegl

„Der Sinn des Lebens ist nicht die Lösung eines Problems, sondern eine bestimmte Art zu leben. Er ist nicht metaphysisch, sondern ethisch. Er ist nichts vom Leben Losgelöstes, sondern das, was das Leben lebenswert macht – das heißt eine bestimmte Qualität, Tiefe, Fülle und Intensität des Lebens. In diesem Sinne ist der Sinn des Lebens das Leben selbst, auf eine bestimmte Weise betrachtet.” Terry Eagleton

 

Literatur:

  • Bauer, Joachim (2006): Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren. München: Heyne.
  • Eagleton, Terry (2008): Der Sinn des Lebens. Berlin: Ullstein.
  • Ferry, Luc (2007): Leben lernen: Eine philosophische Gebrauchsanweisung: München: Verlag Antje Kunstmann.
  • Marinoff, Lou (2002): Bei Sokrates auf der Couch. Philosophie als Medizin der Seele. München: dtv.
  • Petzold, Hilarion G. (2001k): Sinnfindung über die Lebensspanne. Collagierte Gedanken über Sinn, Sinnlosigkeit, Abersinn – integrative und differentielle Perspektiven zu transversalem, polylogischem Sinn. Düsseldorf/Hückeswagen. Bei www.FPI-Publikationen.de/materialien.htm – POLYLOGE: Materialien aus der Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit – 03/2001.
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