Jesus von Nazareth: Historische Fakten und christliche Illusionen

Dr. Ronald Bilik

Dr. Ronald Bilik

Von Ronald Bilik [1]    

Sowohl bei den Darstellungen in Literatur oder Medien als auch bei Diskussionen, ist immer wieder festzustellen, dass die meisten Menschen ein sehr idealisiertes Jesusbild haben. 

Interessanterweise werden solche idealisierenden Interpretationen aber nicht nur von Voll- oder Halbchristen vertreten, sondern auch von überzeugten Atheisten. Daher erscheint es obligatorisch, hierzu als Historiker einige grundlegende Bemerkungen zu machen.    

Das Ziel des vorliegenden Artikels besteht darin, mittels einer kritischen und methodisch korrekten Auswertung der Quellen einerseits zum historischen Jesus vorzudringen, und andererseits gängige illusionäre Vorstellungen zu widerlegen.    

Die Konstruktion des Gottesbildes    

Unsere Gesellschaft und auch die Mehrheit der vom Christentum geprägten Menschheit hat – wie bereits erwähnt – ein sehr idealisiertes Jesusbild. Die Gründe hierfür liegen einerseits in der religiösen Erziehung und in der Informationspolitik der Medien, andererseits aber auch im persönlichen Wunschdenken des Menschen. Die Erkenntnis, dass die Menschen ihre Götter nach eigenen Wunschvorstellungen konstruieren, ist mindestens 2500 Jahre alt. Bereits im alten Griechenland verfasste der Philosoph Xenophanes folgenden Vers (DK 21 B 15) [2] : Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder mit der Figur von Rindern. Sie würden solche Statuen meißeln, die ihrer eigenen Körpergestalt entsprechen. Konkret auf den Menschen bezogen sagt Xenophanes (DK 21 B 16): Die Äthiopier behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker blauäugig und blond.    

So wundert es wenig, dass die meisten Christen in einer Gesellschaft, welche die Menschenrechte zu ethischen Standard erhebt, sich einen Jesus vorstellen, dessen Frohe Botschaft so etwas wie eine antike Erklärung der Menschenrechte darstellt. Ebenso wurden und werden aber auch ganz andere Jesusbilder vertreten. Die diesbezügliche Vorstellung eines Opus Dei- Mannes etwa unterscheidet sich radikal von derjenigen eines Befreiungstheologen, der Jesus als Vorläufer und Mischung von Karl Marx und Che Guevara ansieht.    

Es gab auch bei uns einmal eine Zeit, in der man sich Jesus als groß, blond und blauäugig vorgestellt hat, und als eine Person, welche die deutsche Rasse bei ihrem Kampf gegen die jüdische Weltverschwörung unterstützt. Wenn heute von den meisten Christen Jesus als ein ethisches Vorbild im Sinn des herrschenden Common Sense, also der Menschenrechte, betrachtet wird, kann man somit nur sagen: Was für ein Zufall.    

Die Jüdische Religion und die Messiasideologie    

Zum Verständnis der Lehre des Jesus von Nazareth ist ein kurzer Einblick in die Jüdische Religion erforderlich. In der jüdischen Überlieferung wird die Geschichte so dargestellt: Um 1000 v.u.Z eint König David die zwölf Stämme Israels zu einem großen Reich. Es beginnt ein Goldenes Zeitalter für Juden, ob dies auch für die Unterworfenen von goldener Natur war, darf hingegen bezweifelt werden. In weiterer Folge zerfällt dieses Großreich, es kommt zur Teilung in das Nord- und in das Südreich, die Babylonische Gefangenschaft, die Eroberungen durch Assyrer, Perser, Griechen. Den vorläufigen Schlusspunkt bildete die Okkupation durch die Römer unter Pompeius (63 v.u.Z).    

Im Judentum träumt man noch heute von einem König, der als Gesalbter des Herrn (Messias) diese Reichseinheit wiederherstellt, und die Juden von der Fremdherrschaft befreit. Natürlich gab und gibt es nun unterschiedliche Interpretationen dieser Messianischen Zeit. Manche Gruppen im Judentum glauben, dass am Tag des Herrn, also dem apokalyptischen Endgericht und der Inthronisierung des Messias, die Toten wiederauferstehen und dann im Gottesreich ewig leben, manche lehnen aber solche metaphysischen Interpretationen ab, wie z.B. die Sadduzäer, die überhaupt an kein Leben nach dem Tod glauben.    

Unterschiedliche Auffassungen existierten auch bzgl. der Auserwählten im Gottesreich. Während einige die jüdische Religion als weltoffen und damit als für jeden zugänglich interpretieren, der die jüdische Religion annimmt, werden aber auch wesentlich ethnozentrischere Positionen vertreten, mit dem Ergebnis, dass nur wirkliche, also rassisch einwandfreie und sündenfreie Juden im Gottesreich leben können. Wichtig ist festzuhalten, dass das Gottesreich kein Himmel im christlichen Sinne ist: Das Reich Gottes ist – trotz aller metaphysischen Komponenten – ein diesseitiges, theokratisch regiertes Reich und kein jenseitiges. Für die Römer bedeutete die Proklamation eines solchen Reiches eine Kriegserklärung, und das aus gutem Grund: Der mit der Apokalypse einhergehende Anbruch des Gottesreiches ist gleichzusetzen mit dem Ende der römischen Herrschaft in Judäa oder sogar – je nach Interpretation – mit dem Ende der Römer überhaupt.    

Quellen    

Praktisch haben wir als Information über Jesus nur die Aussagen des Neuen Testamentes. Die Apokryphen, also jene Schriften, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden, sind in der Regel relativ spät (2/3. Jhdt.) entstanden und nur sehr bedingt hilfreich. Andere antike (heidnische) Schriftsteller überliefern keine wesentlichen Informationen. Der Grund dafür scheint nicht so sehr darin zu liegen, dass Jesus so unbedeutend gewesen wäre, sondern in der Überlieferung durch christliche Kopisten und Autoren.    

Es gibt nachweislich Fälschungen, d.h.: es wurden auch Passagen erfunden und in bestehende Texte eingefügt. Das berühmteste Beispiel ist das sogenannte Testimonium Flavianum, wo bei dem (im ersten Jahrhundert lebenden) jüdischen Historiker Flavius Josephus (Jüdische Altertümer 18.3.3) ein ganzer Absatz erfunden wurde, in dem die Göttlichkeit von Jesus behauptet wird. In ähnlicher Weise ist auch mit der Eliminierung missliebiger Stellen zu rechnen.    

Die wichtigsten Quellen für Jesus im Neuen Testament sind die vier Evangelien und hier in erster Linie die Synoptiker: Als die Synoptiker (vom griech. Synopsis, = Zusammenschau) bezeichnet man Markus, Matthäus und Lukas, weil die Texte sehr ähnlich sind. Im später entstandenen Johannesevangelium, werden teilweise ganz andere Traditionen verarbeitet, die in der Regel weniger authentisch sind.    

Die Problematik liegt vor allem in der komplexen Überlieferung und Textgeschichte. Ursprüngliche Grundlage dürfte ein – vermutlich in aramäischer Sprache verfasster – Bericht (bzw. eine Spruchsammlung) eines Augenzeugen sein, der Anhänger der Lehre von Jesus war. Diese Quelle wurde von einem griechischsprachigen Autor, der bereits Christ war, verwendet und massiv verändert. Bereits hier wird eine grundsätzliche Differenz zwischen der Lehre von Jesus und dem Judentum behauptet.    

Desweiteren wird anscheinend dort zum ersten Mal die Theorie vertreten, dass Jesus das Opfer einer innerjüdischen Intrige wurde. Die Tendenz dieser Quelle, welche die Grundlage für die synoptischen Evangelien darstellt, ist eindeutig romfreundlich und antijüdisch. Ein Beispiel ist hier etwa das Verhalten des Pilatus, der Jesus nur aufgrund des Druckes, den sowohl die Schriftgelehrten als auch das jüdische Volk ausüben, hinrichten lässt.    

Dieser extrem unzuverlässige Bericht liegt nun den drei Synoptikern zugrunde, die aber nicht alles übernommen haben und auch in literarischer Hinsicht ausgesprochen kreativ waren. Es waren leider keine Kopisten sondern Literaten, die damit auch ihre eigene religiöse Überzeugung zum Ausdruck bringen wollten. In diese Texte der Synoptiker werden von späteren christlichen Autoren weitere Passagen hinzugedichtet. Die Tendenz dieser Ergänzungen besteht darin, den gläubigen Juden Jesus zu christianisieren.    

Ein Beispiel ist hier etwa das Ende des Matthäus – Evangeliums (Mt 28,16-20). Im vorhergehenden Text sagt Jesus sehr klar, dass nur die Juden missioniert werden sollen. Dann nach der Auferstehung kommt plötzlich die Aufforderung zur Weltmission. Bezeichnenderweise fehlt diese Passage in den ältesten Handschriften. Es handelt sich also offensichtlich um eine christliche Fälschung. Ähnlich unglaubwürdig ist auch die Aufforderung an Petrus, eine Kirchengründung vorzunehmen (Mt 16, 18-19).    

Angesichts dieser komplexen Quellenlage stellt sich unwillkürlich die Frage: Ist überhaupt irgendwas sicher? Die Antwort lautet ja.    

Die Quellenlage ist trotz dieser Überlieferungskomplexität besser als in vielen anderen Epochen. Das Essentielle ist die Methode: D.h.: nicht irgendwelche Glaubensüberzeugungen als Ausgangsbasis vorauszusetzen, sondern das Evangelium gleich zu behandeln wie jede andere antike Quelle. Wie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen lautet hier die Methode: Vom Sicheren zum Unsicheren. In den meisten Büchern über Jesus besteht die Tendenz zur „Rosinenklauberei“, indem nur jene Stellen ausgesucht werden, die in das eigene Weltbild passen. Eine historische Methode hingegen geht von sicheren historische Fakten einerseits und Zitaten andererseits aus, die kaum erfunden sein können:    

Folgende historischen Fakten sind unbestreitbar:
1) Die Kreuzigung
2) Die Taufe durch Johannes    

ad 1) Die gesichertste Tatsache im Leben von Jesus ist sein Tod am Kreuz.    

Die Kreuzigung war die Strafe für Hochverrat. Dass die Römer in Jesus einen politischen Konkurrenten sahen, bestätigt sich durch die Aufschrift (INRI = Jesus Nazareus Rex Judaeorum = Jesus von Nazareth, König der Juden), dem Aufsetzen der Dornenkrone und dem Umhängen des Purpurmantels. Es wird von theologischer Seite manchmal gerne argumentiert, dass es sich hierbei um einen Justizirrtum gehandelt habe, da Jesus eine christlich jenseitige Lehre vertreten hätte, die die Römer nicht verstanden und daher falsch interpretierten.    

Hier zeigt sich pars pro toto der grundlegende Unterschied zwischen Theologen und Historikern. Während der Theologe aus Glaubensgründen auf das Mögliche fixiert ist, beschränkt sich der Historiker auf das Wahrscheinliche. Obwohl grundsätzlich bei fast jedem Urteil ein Justizirrtum möglich ist, erscheint eine solche Annahme angesichts der restlichen Quellenlage als unhaltbar. In den Evangelien wird mehrfach, sowohl direkt als auch indirekt, der Anspruch von Jesus, König der Juden zu sein, formuliert (z.B: Mt 16,13-20;17,10-12). Bietet nun schon allein dieser Sachverhalt die Basis für grundlegende Schlussfolgerungen, können diese zusätzlich durch Aussagen der Evangelien gestützt werden.    

Bei Jesu Kreuzigung ist ein Zitat überliefert, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wörtlich tradiert ist. Seine letzten Worte am Kreuz lauten bei Mt 27,46 und Mk 15,34 in aramäischer Sprache: „Eli, eli, lema sabachtani“ was übersetzt heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“    

Dieses Zitat ist aus mehreren Gründen glaubwürdig. Zum einen sagt Jesus diese Worte in seiner Muttersprache Aramäisch. Da er hier sein Scheitern als Messias eingesteht, bewegt er sich nicht in christlichen Denkvorstellungen, die die Kreuzigung als Erlösungstat ansehen, sondern im jüdischen Denken, wo es sich beim Messias um einen lebenden König und nicht um einen gekreuzigten (Halb-, bzw. Drittel-) Gott handelt.    

Glaubwürdig sind auch die Begleitumstände: Da die Kreuzigung als Abschreckung dienen sollte, fand diese öffentlich und damit vor Zeugen statt. Eine weitere Bestätigung für die historische Zuverlässigkeit des Zitates ist die Änderung des Textes bei den anderen Evangelienschreibern. Im später entstandenen Lukasevangelium (Lk 23,44) heißt es an der gleichen Stelle: Jesus rief laut: „Vater in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Das Eingeständnis des Scheiterns wird wohlweislich verschwiegen. Den Endpunkt in der Verfälschung der ursprünglichen Aussage bietet Johannes (Joh 19,30) mit dem Satz „Es ist vollbracht“. Hier wird das eigentliche Scheitern des Nazareners bereits so verzerrt und verklärend dargestellt, dass der Tod am Kreuz das eigentliche Ziel der Mission gewesen sei.    

Das Faktum der Kreuzigung und die glaubwürdigen Zitate belegen somit, dass Jesus keineswegs das Opfer eines Justizirrtums wurde und von den Römern aus gutem Grund als Revolutionär angesehen und verurteilt wurde. Allein diese politische Dimension seiner Überzeugungen ist mit dem tradierten Christentum unvereinbar.    

ad 2) Johannes der Täufer war ein Wanderprediger, der den baldigen Anbruch des Gottesreiches und das damit verbundene Endgericht prophezeite.    

Wie auch die anderen messianischen Bewegungen, war Johannes dezidiert antirömisch gesinnt und wurde aus diesem Grund vom romfreundlichen Potentaten Antipas hingerichtet. Die Taufe sollte von der Sünde reinigen, sie wird erst kurz vor dem Endgericht gespendet, um den Gläubigen den Zugang in das Gottesreich zu ermöglichen. Da Jesus sich von Johannes taufen ließ, glaubte logischerweise auch er an die unmittelbar bevorstehende Apokalypse. Bestätigt werden diese Überlegungen durch den Evangelientext. Nach der Verhaftung des Johannes predigt Jesus das gleiche wie dieser (nämlich die Umkehr) und sagt das Reich Gottes sei nahe (Mk 1,14-15).    

Solche Passagen, die das Weltgericht als unmittelbar bevorstehend schildern, können aus logischen Gründen nicht erfunden sein, da sie sich zur Zeit der Textabfassung bereits als evident falsch erwiesen haben. Diese beiden historisch gesicherten Tatsachen – bieten unabhängig voneinander – ein kohärentes Bild. Jesus stand in der jüdischen Tradition, war von antirömischer Gesinnung, glaubte an das baldige Ende der bestehenden Welt und das unmittelbar bevorstehende Anbrechen des irdischen Gottesreiches. Mit der Auffassung des Christentums ist dieser Befund unvereinbar.    

Noch deutlicher drückt sich Jesus in der sogenannten Aussendungsrede aus (Mt 10,23), wo er seinen Jüngern Anweisungen für die Missionierung gibt: „Amen ich sage euch: Ihr werdet nicht zu Ende kommen mit den Städten Israels, bis der Menschensohn (Messias) kommt.“    

Diese Aussage ist glaubhaft. Die Missionierung Israels ist eine Sache von Monaten. Da das prophezeite Ereignis offensichtlich nicht eingetreten ist, wäre es sinnlos, eine solche Stelle später, also zu einem Zeitpunkt, als sich die Vorhersage schon als irrig erwiesen hat, zu erfinden. Es spricht somit alles dafür, dass hier ein authentisches Jesuswort vorliegt. Die Erkenntnis der apokalyptischen Dimension seiner Lehre ist die Basis für das Verständnis der gesamten Jesuanischen Ideologie. Genau vor diesem Hintergrund sind nämlich auch die diversen Anordnungen zu verstehen, wie z.B. die Ablehnung des persönlichen Besitzes. Berühmt ist die Aussage: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt (Mt 19,24).    

Jesus hat aber noch viel radikalere Positionen vertreten. Er fordert von seinem Gefolge die Veräußerung des ganzen Besitzes (Mt 19,21): Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen.    

Ähnliche Forderungen enthält auch die Bergpredigt, in der die Anhänger aufgefordert werden, sorglos zu leben und sich dabei am Verhalten der Vögel und der Blumen zu orientieren (Mt 6,24-34): Auch war Jesus ausgesprochen familienfeindlich, indem er überdies bedingungslose Gefolgschaft fordert (Mt 10,34-37): Denkt nicht, ich sei gekommen um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter, und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.    

Dies sind die typischen Aussagen eines radikalen Sektenführers, der ein dualistisches und apokalyptisches Weltbild vertritt [3]. Aufgrund dieser Forderungen ist es verständlich, dass die zwölf Jünger wissen wollen, was ihre Belohnung für diese Opfer ist. Die Antwort lautet (Mt 19, 28-29): „Amen ich sage euch: wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen, und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der um meines Namens willen, Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen.“    

Auch diese Aussage ist mit höchster Wahrscheinlichkeit authentisch. Zum einen richtet sich die Botschaft an die damaligen zwölf Jünger. Da Judas aber Jesus verraten und Selbstmord begangen hat, scheidet er logischerweise als Richter aus. Die Passage muss daher zu einem Zeitpunkt entstanden sein, an dem es noch die ursprünglichen zwölf Jünger waren, und damit noch vor dem Verrat und dem Tod des Judas. Die Aussage belegt ferner, dass Jesus nicht mit dem Verrat durch Judas gerechnet hat. Zum anderen besteht der Hintergrund der Aussage in der Apokalyptik und in der Radikalität der Forderung, sowohl die materiellen Güter, als auch die sozialen Kontakte für gering zu erachten.    

Die zitierte Passage ist aber auch sonst aufschlussreich. Es drängt sich nämlich folgende Frage auf: Wenn nur für die zwölf Stämme Israels Richter benötigt werden, was ist dann mit dem Rest der Menschheit? Hierfür ist es entscheidend, die Meinung, die sich Jesus von den Nichtjuden gebildet hat, zu kennen. Ebenfalls in der Aussendungsrede gibt er folgende Anweisung (Mt 10, 5-8): Geht nicht zu den Heiden (Nichtjuden), und betretet keine Stadt der Samariter , sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet. Das Himmelreich ist nahe.    

Das Verhältnis zu den Nichtjuden wird in einer anderen Passage noch eindrucksvoller dargestellt (Mt 15, 21-28): Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Da kam eine kanaanäische (phönizische) Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her [andere Übersetzungsmöglichkeit: Schick sie weg]. Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.    

Nichtjuden wurden von Jesus daher generell als Menschen zweiter Klasse angesehen, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit von Natur aus keine Chance haben, im zukünftigen Reich Gottes zu leben. Man erfährt in den Evangelien nichts über das zugedachte Schicksal der Nichtjuden. Angesichts dieser ethnozentrischen Position ist dies aber auch nicht verwunderlich. Die Zukunftsperspektiven dieser Menschen waren für Jesus und seine Jünger einfach irrelevant.    

Noch ein Wort zu seinen Jüngern. Die vielgerühmten zwölf Apostel haben teilweise sehr aufschlussreiche Beinamen (Mt 16,17). Grundsätzlich galt die Region von Galiläa als Brutstätte für antirömische Revolutionäre. Die Aufständischen agierten unter verschiedenen Bezeichnungen. Überliefert sind u.a. die Ausdrücke Zeloten (griech. Eiferer) oder Sikarier (Dolchleute, von lat. Sica = Dolch). Am offensichtlichsten ist der Beiname des Simon, der als Zelot bezeichnet wird. Bei Judas ist die wahrscheinlichste Etymologie seines Beinamens ‘Iskariot’, dass er von ‘Sikarier’ abstammt. Auch Petrus scheint, bevor ihn die Christen zum Wächter des Himmelstores machten, eine bewegte Jugend gehabt zu haben. Sein Beiname ‘Bar Jona’ heißt aramäisch so viel wie ‘Vogelfreier’ und ist eine übliche Bezeichnung für Zeloten. Die Brüder Jakobus und Johannes werden ‘Boanerges’ (Donnersöhne) genannt, eine Bezeichnung, die in diesem Rahmen nicht für eine besonders friedfertige Einstellung spricht.    

In der christlichen Überlieferung wird Jesus immer als friedfertiges Opferlamm dargestellt, der sich selbstlos für die Rettung der Welt opfert. Die historische Realität sieht allerdings ganz anders aus. Sein Tod war nämlich keineswegs freiwillig und geplant, und das Wohl der restlichen (nichtjüdischen) Menschheit war ihm ziemlich gleichgültig. Jesus ging nach Jerusalem nicht, um dort zu sterben, sondern um den Thron Davids zu besteigen und als König der Juden im Gottesreich zu herrschen. Als Messias plante er in irgendeiner Form die Vernichtung der Römer. Missverständlich im Sinne des von den Christen postulierten Friedensapostels ist dies deshalb, weil Jesus in einer messianischen Tradition steht, welche die militärische Gewalt ablehnt. Er verlässt sich hier völlig auf Jahwe. Entscheidend für ihn ist das Erfüllen von Prophezeiungen, wodurch das Wirken Jahwes ermöglicht wird.    

Ein Beispiel hierfür ist der Einzug mit der Eselsstute in Jerusalem (Mt 21,1-11). Das Ereignis nimmt Bezug auf die Prophezeiung des Sacharja, der zufolge der Messias mit einer Eselin und einem Fohlen in Jerusalem einreiten wird (Sach 9,9). Allein diese Aktion zeigt seinen Anspruch auf die Königswürde. Die Menschen rufen ihm daher zu: „Hosanna dem Sohn Davids“. Es handelt sich hier um den Psalm 118, 25, der zur Errettung von den Feinden gesungen wird. Noch deutlicher äußert sich die Menge bei Johannes (Joh 12, 13), wo Jesus ausdrücklich als König Israels angerufen wird.    

Auch der geschilderte Gang zum Ölberg (Mt 26,30-46) ist kein Zufall. In den Evangelien wird das Ereignis so dargestellt, als ob sich Jesus dort mit dem Gebet auf den Tod vorbereitet hätte. Ebenfalls bei Sacharja wird prophezeit, dass am Tag des Endgerichts Jahwe auf dem Ölberg erscheinen wird (Sach 4,3-12): Doch dann wird der Herr hinausziehen und gegen diese Völker Krieg führen und kämpfen, wie nur er kämpft am Tag der Schlacht. Seine Füße werden an jenem Tag auf dem Ölberg stehen, der im Osten gegenüber von Jerusalem liegt. Der Ölberg wird sich in der Mitte spalten, und es entsteht ein gewaltiges Tal von Osten nach Westen. … Dies aber wird der Schlag sein, den der Herr gegen alle Völker führt, die gegen Jerusalem in den Krieg gezogen sind: Er lässt ihren Körper verfaulen, noch während sie auf den Füßen stehen.    

Es ist offensichtlich, dass sich diese Prophezeiung für Jesus nicht erfüllte. Während er auf das Erscheinen des Herrn wartete, erschienen in Wirklichkeit die Häscher, um ihm festzunehmen.    

Mittlerweile wird in der Theologie großteils eingeräumt, dass Jesus mit seiner Lehre im Judentum verhaftet war. Auch dass seine Lehre alles andere als „christlich“ war, ist offensichtlich. Versuchte Lösungsansätze sind u.a. folgende:    

a) Verharmlosung und Relativierung    

So z.B. der bedeutende amerikanische Jesusforscher Ed. Parish Sanders: Wir können also nicht mit letzter Sicherheit sagen, wie Jesu persönliche Ansicht über die Heiden (Erg. RB: Nichtjuden) aussah. Allgemeine Erwägungen bringen mich zu der Vermutung, dass er zumindest von einem Teil der Heiden annahm, sie würden sich zu Gott bekehren und am kommenden Reich teilhaben. Diese allgemeinen Erwägungen sind folgende: Eine ganze Reihe von Juden glaubte, dass dies geschehen werde. Jesus war ein menschenfreundlicher und großherziger Mensch. Wenn Jesus nicht mit der Bekehrung von Heiden rechnete, dann erwartete er nolens volens ihre ausnahmslose Vernichtung. Das ist unwahrscheinlich.    

Diese Aussagen sind unhaltbar. Wenn Jesus nämlich die Heidenmission grundsätzlich gebilligt hätte, fragt man sich, warum genau diese Frage ein Problem zwischen Paulus, der eben auch die Heidenmission betrieb, und der Urgemeinde darstellte. Dass Jesus menschenfreundlich und großherzig war, ist eine christliche Illusion, die in den authentischen Quellen keine Bestätigung findet. Überdies wäre die Mehrheit der Ungläubigen auch nach dieser sehr humanitären Interpretation sowieso vernichtet worden. Die vorgeschlagene Lösung postuliert somit lediglich eine quantitative Differenz in der Unmenschlichkeit.    

b) Differenzierung in vorösterlichen und nachösterlichen Jesus    

Nach dieser Auffassung ist die Lehre, welche Jesus zu Lebzeiten (also vor seiner österlichen Auferstehung) vertreten hat, nicht identisch mit seiner eigentlichen Lehre, die er erst nach seinem Tod verkündet hat. Übersetzt heißt das: Jesus lehrt zu Lebzeiten eine Religion, die nur für Juden bestimmt ist und von der unmittelbar bevorstehenden Apokalypse spricht. Dann wird er unerwarteter Weise hingerichtet, seine Lehre erweist sich u.a. durch die ausbleibende Apokalypse als evident falsch, nach seinem Tod erscheint er dann den Jüngern, um ihnen zu erklären, dass es sich in Wirklichkeit ganz anders verhält. Nur die wenigsten logisch denkenden Menschen werden dieses Szenario als wahrscheinlich ansehen. Wenn es dennoch zutreffen sollte, muss man immerhin eines zugestehen: Dieser Gott hat zumindest Sinn für Humor.    

Entstehung des Christentums    

Wie konnte nun aus dieser ethnozentrisch- apokalyptischen Lehre des Nazareners die Weltreligion des Christentums werden? Entscheidend war hier in erster Linie Paulus: Er, der Jesus nicht mehr persönlich kennenlernte, prägte die weitere Geschichte der Religion so maßgeblich, dass man eigentlich vom paulinischen Christentum sprechen muss. Paulus wollte – ebenso wie die Jünger von Jesus – ursprünglich nur die Juden missionieren und auf das baldige Endgericht vorbereiten (Röm. 11,1-12; Eph 3,1-13). Die Heidenmission war eine Verlegenheitslösung, da die Juden zu viel über ihre eigene Religion wussten, um zur Lehre von Jesus bekehrt zu werden. Paulus hatte nach eigener Aussage massive Probleme dort Anhänger zu finden (Röm 10,16-12,21). Entscheidend für das Überleben des Christentums, war die massive Veränderung und Adaptierung der Lehre, sodass am Ende vom ursprünglichen Kern nichts mehr übrigblieb. Während die paulinische Variante zur Weltreligion avancierte, verschwanden die Anhänger der Urlehre sehr bald im Dunkel der Geschichte.    

Abschluss und Zusammenfassung    

Die Figur des Jesus von Nazareth ist keine große Unbekannte in der Geschichte. Es gibt – bei einer wissenschaftlichen Betrachtung der Quellen – auch nichts Mysteriöses an ihm. Er vertrat eine bestimmte Position in der jüdischen Religion, die nichts mit dem Christentum unserer Tage zu tun hat. Die wesentlichen Punkte seiner Lehre sind:    

– Die Verkündigung des unmittelbar bevorstehenden Endgerichtes: Da dieses nicht eingetreten ist, ist seine Lehre, die ohne diese Grundvoraussetzung nicht verstanden werden kann, erwiesenermaßen falsch.    

– Der unmittelbar bevorstehende Anbruch eines irdischen Gottesreiches, das mit christlichen Jenseitsvorstellungen nichts zu tun hat. Ein Christ, der an den Himmel im Sinne eines Paradieses glaubt, ist somit definitiv kein Vertreter der Lehre des Jesus von Nazareth.    

– Die Beschränkung der frohen Botschaft und der damit verbundenen Erlösung im Reich Gottes auf reinrassige Juden. Für den Rest der Menschheit wäre von ihm vielmehr an eine End-lösung als an eine Erlösung gedacht worden. Zum Glück hat sich Jesus grundlegend geirrt, weil die Welt von heute (inklusive der Freidenker), sonst gar nicht existieren würde.    

– Durch sein religiös-politisches Agieren als Messias wurde er für die Römer gefährlich und deshalb als Hochverräter hingerichtet. Er wäre sehr überrascht, wenn er mitbekommen würde, was die Christen – egal welcher Gruppierung – aus seiner Lehre gemacht haben.    

Aufgrund der eingangs erwähnten medialen und informationstechnischen Bedingungen, sowie der Tatsache der Nichtexistenz einer kirchenunabhängigen Forschung, sind nur die wenigsten Menschen über diese entscheidenden Aspekte der Lehre des Jesus von Nazareth informiert. Christen betonen (wie übrigens die Vertreter der anderen Religionsgemeinschaften auch) gerne die Einzigartigkeit ihrer Religion. Dem ist sogar in gewissem Sinn zuzustimmen. Das Christentum ist nämlich vermutlich die einzige Religion, die durch ihre eigene „Heilige Schrift“ widerlegt wird.    

Erschienen in freidenkerin 2010/04   


    

  1. Dieser Vortrag wurde am 20. Oktober 2010 in den Räumlichkeiten des Institutes für Wissenschaft und Kunst (Wien) gehalten. Im Namen des Österreichischen Freidenkerbundes möchte ich mich hier für die organisatorische Unterstützung von Mag. Dr. Thomas Hübel und Peter Ulrich Lehner bedanken.
  2. Die Fragmentsammlung von Hermann Diels und Walter Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker I-III, Hildesheim 2004/05 (unveränderter Nachdruck von 1951/52), wird im Folgenden mit DK abgekürzt.
  3. Er selbst praktiziert übrigens auch diese Haltung (Mt 12,46-50).
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11 Responses to Jesus von Nazareth: Historische Fakten und christliche Illusionen

  1. Danke für diesen sachlichen und somit sehr glaubwürdigen Artikel.

  2. Ich nehme an, dass sehr viele Berufschristen dem Autor zustimmen würden. Leider können sie es sich aus berufsständischen Gründen nicht leisten, ihr Wissen an die jeweiligen Schafherden weiterzugeben. Hoffentlich findet dieser erstklassige Artikel (vielleicht erst in ein paar Jahren?) seinen Weg in die Presse.

  3. dubiator says:

    Ich empfehle zum Thema das soeben erschienene Buch von Heinz-Werner Kubitza: Der Jesuswahn. Näheres dazu einschl. Leseproben:
    http://www.jesuswahn.de/

  4. Pingback: Jesus von Nazareth: Historische Fakten und christliche Illusionen «

  5. Ein sehr guter Vortrag von Ronald Bilik, der die wichtigsten Punkte einer historisch-kritischen Sicht auf Jesus von Nazareth griffig benennt. Man darf hoffen, dass er noch oft gehalten werden wird. Sehr gut und richtig auch die Betonung, wie fremd uns dieser Jesus von Nazareth heute wäre, mit seiner irrigen Naherwartung des anbrechenden Gottesreiches und mit einer Botschaft, die die Menschen von heute in keinster Weise im Blick hatte. Er wäre fremd auch für diejenigen, die ihn als Gott oder zumindest als außergewöhnlichen Menschen verehren wollen. Jesus von Nazareth dürfte die am meisten überschätzte Person der Weltgeschichte sein, Gallionsfigur seiner glauben wollenden Gemeinde, die ihn erst zu dem gemacht hat, der er nie sein wollte.

  6. Markus Michael Riccabona says:

    Leider ein sehr schwacher Artikel! Wenn es passt, wird die Bibel zitiert, um eigene Theorien zu untermauern. Wenn es nicht passt, sind die Evangelien nett aufbereitete Literatur und daher nicht glaubwürdig. Auf die Begründungen aus der christlichen Tradition, warum die Evangelien glaubwürdig sind (z. B. fehlende “Glättung” und Abstimmung der Evangelien, die leicht hätte vorgenommen werden können; ängstliches Verhalten der Jünger nach der Auferstehung statt Triumph etc.) wird überhaupt nicht eingegangen. Auch die neuesten archäologischen Erkenntnisse, die die Aussagen der Evangelien massiv stützen, wie auch die neuesten Papyri-Funde, die die Evangelien-Datierung teils um Jahrzehnte nach vor verlegen, bleiben unerwähnt.

  7. Weil ich mich immer gern weiterbilde:

    Welche neuen archäologischen Erkenntnisse sind das und wo sind sie publbiziert? Warum stützen sie die Evangelien und um welche Papyri-Funde handelt es sich?

  8. Pingback: Der Jesuswahn « no heaven – only sky

  9. Spaghettimonster says:

    interessant in diesem Zusammenhang ist auch das Interview im Humanistischen Pressedienst mit Hermann Detering zu seinem Buch “Falsche Zeugen. Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand.” http://hpd.de/node/12044

  10. Steffi Berger-Schuckmannsburg says:

    Man sollte noch die Rechtschreibprüfung drüberlaufen lassen, wenn Mann sie schon nicht im kleinen Finger hat.

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