Miniwahr in Österreich

Christoph Baumgarten

Christoph Baumgarten

Von Christoph Baumgarten

Fast 90.000 Menschen sind 2010 aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten. So viele wie nie in einem freien und demokratischen Österreich. Dass die katholische Kirche das herunterzuspielen versucht, überrascht wenig. Wenn auch die Argumentation skurril ist. In einem Beitrag für den hpd habe ich das mit George Orwells Ministerium für Wahrheit verglichen.

Dass der von mir so geschätzte Qualitätssender Ö1 bei dieser Farce mitmacht, ärgert mich doch. Am Dienstag schaffte es die Religionsredaktion, zu einer Studiodiskussion im “Journal Panorama” drei prominente Kirchenfunktionäre- bzw. unterstützer einzuladen – und sonst niemand.

Erwartungsgemäß tauschten die Vorsitzende der katholischen Frauenbewegung (so was gibt’s, warum auch immer), der Mariazeller Wallfahrtspfarrer und der “kritische” katholische Publizist Hubert Feichtelbauer katholische Befindlichkeiten aus. Als ob Österreich nach wie vor eine rein katholische Angelegenheit wäre. Als ob es eine reine Angefressenheit mit kirchlichen Strukturen wäre, die die Entwicklung auslöst und nicht, dass die gesellschaftliche Rolle der Einrichtung eine immer kleinere wird.

Ob die katholische Kirche überhaupt noch gesellschaftliche Relevanz hat – diese Frage wurde nicht gestellt. Die Frage, die immer brisanter wird, wenn nicht einmal mehr zwei Drittel der Bevölkerung katholisch sind. Auch die Frage, ob die staatliche (Quer-)finanzierung der Kirche bzw. kirchlicher Propaganda in Schulen und Rundfunk noch zeitgemäß ist, wurde erwartungsgemäß nicht gestellt.

Sie stellt sich den drei Kampfkatholiken nicht. Und dem Redakteur der Religionsredaktion sowieso nicht. Das ist sozusagen gottgegeben. Die Welt da draußen, die Realität – die mag stattfinden. Aber Österreich muss katholisch bleiben – ob die Bevölkerung das will oder nicht.

Andere Lebensentwürfe kommen in dieser Betrachtung nicht vor. Nicht die Taufscheinkatholiken, die innerhalb der Kirche die Mehrheit stellen und bestenfalls irgendwie religiös sind. Nicht die Konfessionsfreien, die mittlerweile ein Viertel der Bevölkerung stellen. Gibt es nicht. Fragen wir nicht. Traurig. Wo vor allem letztere die Religionsgemeinschaften und insbesondere die katholische Kirche weiter mitfinanzieren.

Eine kurze Internetrecherche hätte genügt und man hätte einen Heinz Oberhummer auftreiben können (Zentralrat der Konfessionsfreien), einen Erich Eder (AG-Athe), einen Rony Bilik (Freidenkerbund), einen Niko Alm (Giordano-Bruno-Stiftung Österreich). Wolfgang Huber von AHA ist in Oberösterreich zuhause, das wäre termintechnisch vielleicht schwierig geworden. Ausgewiesene Kenner der Zusammenhänge. Die hätten ein wenig Ausgewogenheit reingebracht. Und gezeigt, dass nicht zuletzt wegen der vielen Austritte Österreich keine rein katholische Angelegenheit mehr ist.

http://www.politwatch.at/stories/miniwahr-in-oesterreich/

This entry was posted in Religion and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>