Was den Heidenkindern fehlt

Christoph Baumgarten

Christoph Baumgarten

WIEN. (hpd) Kirchliche Vorfeldorganisationen und ein Ethikprofessor wollen einen flächendeckenden Ethikunterricht für alle Kinder in Österreich, die nicht in den konfessionellen Religionsunterricht gehen. Die Forderung findet breites Echo in den Medien – und stößt erstmals auf merkbaren Widerstand.

»Kindern die nicht in den konfessionellen Religionsunterricht gehen, fehlt etwas«. Michael Jahn, Direktor des Gymnasiums Hegelstraße bringt den Standpunkt vieler kirchlicher und kirchennaher Vorfeldorganisationen auf den Punkt. »Ihnen das nahezubringen, ist die Bringschuld des Staates.« In seiner Schule läuft der Schulversuch verpflichtender Ethikunterricht seit längerem. Mit ausnehmend positiven Erfahrungen, wie Jahn nicht müde wird zu betonen.

Der Direktor ist so etwas wie das pädagogische Aushängeschild der Bewegung für einen flächendeckenden Ethikunterricht für alle Kinder in Österreich, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen. Seine Schule ist für Reportagen meist die erste Anlaufstelle, Jahn gibt gekonnt die Rolle des Experten. Dass er selbst einer der maßgeblichen Beteiligten der Bewegung ist, die unter anderem den katholischen Laienrat, die evangelische Kirche und die Katholischen Pädagogischen Hochschulen erfasst, wird meist verschwiegen. Unter anderem organisierte er Ende Jänner eine Podiumsdiskussion mit Vertretern von Organisationen, die den Ethikunterricht österreichischer Prägung unterstützen. Das waren unter anderem der evangelische Bischof Michael Bünker, der Chef der ÖVP-dominierten Beamtengewerkschaft und zweiter Nationalratspräsident, Fritz Neugebauer und der Ethik-Professor Peter Kampits von der Uni Wien, der als einziger bekannter Philosoph in Österreich die Forderung unterstützt.

Kritiker wurden vorsorglich nicht eingeladen. Als der Zentralrat der Konfessionsfreien mit dem Hinweis, der Ethikunterricht betreffe vor allem konfessionsfreie Kinder, um einen Platz am Podium ersuchte, hieß es nur: Sorry, das Programm steht schon. Außerdem würde die Position der Konfessionsfreien, die den Ethikunterricht in dieser Form ablehnen, einen anderen Themenbereich berühren.

Hektische Aktivitäten

Seit 1997 gibt es den Schulversuch verpflichtenden Ethikunterricht an österreichischen Oberstufen. Zuletzt nahmen mehr als 190 Schulen teil. Eine Zahl, die über das vergangene Jahrzehnt stetig gestiegen war – und vorläufig auf dem Niveau bleiben dürfte. Kein Geld für zusätzlichen Ethikunterricht, heißt es aus dem Unterrichtsministerium. Das hat die jüngsten, teils hektischen, Aktivitäten der Befürworter des Ethikunterrichts ausgelöst. Den Anfang machte vor einigen Wochen Peter Kampits in einem Gastkommentar in der Tageszeitung »Der Standard«, in der er wortreich lamentierte, dass für die Ethik, die immer wichtiger werde, offenbar kein Geld da sei. Es folgten eine Podiumsdiskussion mit großem Medienecho, Presseaussendungen der verschiedenen unterstützenden Vereine, diverse andere Medienauftritte, zuletzt etwa eine freundliche Reportage im ORF-Religionsmagazin »Orientierung« am vergangenen Sonntag. Dort kamen erstmals auch Kritiker zu Wort. Etwa Philippe Lorre vom Zentralrat der Konfessionsfreien.

Sein Sohn geht in ein Grazer Gymnasium, das am Schulversuch teilnimmt. Als konfessionsfreier Schüler muss er in den Ethikunterricht. »Die Lehrerin, die meinen Sohn unterrichtet, ist zugleich katholische Religionslehrerin«, schildert Lorre. Lehrplan und Unterrichtsmaterialen stammen von katholischen Theologen, etwa von Karl Heinz Auer. »Spätestens ab den zweiten Viertel des Ethik-Lehrbuchs meines Sohnes geht es mit den religiösen Inhalten nur mehr crescendo und kulminiert am Ende in einem regelrechten religiösen Feuerwerk«, kritisiert er. Und so ganz nebenbei findet der Unterricht zu den ungünstigsten Zeiten statt. Meist nach den regulären Schulstunden. »Im Religionsunterricht kommt so etwas nicht vor, der findet in der Kernzeit statt.« Lorre befürchtet wie viele andere, dass der Ethikunterricht dazu dienen soll, konfessionsfreie Kinder, und solche, die sich abgemeldet haben, über die Hintertür in eine Art Religionsunterricht light zu bringen.

Alles Einzelfälle

Ein Einzelfall, wie Edith Riether vom Weltethos Österreich in einem emotionalen e-mail versichert. »Bei weitem nicht alle sind auch ReligionslehrerInnen, die meisten sind PhilosophInnen oder KombiniererInnen mit Deutsch, Geschichte etc.« Befürchtungen, dass der Ethikunterricht ein Religionsunterricht light für Ungläubige sein soll, seien unbegründet. Ähnlich argumentiert Josef Zemanek, Vizepräsident der Katholischen Laieninitiative. »Die öffentliche Diskussion geht um „Ethikunterricht“, nicht um „Moralunterricht“! Ethik aber ist ein philosophisches Fach, kein theologisches«, schreibt er dem Zentralrat der Konfessionsfreien. Um etwas kryptisch zu enden: »Ein Recht auf Freiheit von Religion ist ein Widerspruch in sich und ein logischer Zirkel, da Religion als mögliches Sinnziel aliquo modo postuliert werden muss, um in einem zweiten Schritt die Bedeutung für das eigene Leben in existentieller Entscheidung ablehnen zu können. Ich erhoffe mir in Zukunft substantiellere Beiträge Ihrer Vereinigung!«

Etwas konterkariert werden die Aussage just in der an sich religionsfreundlichen Reportage in »Orientierung«. Dort wird unter anderem die Ethiklehrerin Brigitte Rappesberger vom Jahns Gymnasium Hegelstraße interviewt. Sie ist auch katholische Religionslehrerin. »Der Ethikunterricht wertet den Religionsunterricht auf, weil sich die Schüler bewusst für Religion entscheiden.« Auch nicht ganz zur Beruhigung tragen Aussagen bei wie »Der Ethikunterricht gibt mir die Möglichkeit, ein christliches Weltbild wertfrei zu vermitteln«. Zitat eines Wiener Ethiklehrers im Online-Magazin »Thema Kirche«. Auch der Katholische Laienrat schafft es nicht ganz, auf die Religion zu verzichten, wenn er in einer Presseaussendung fordert, alle Oberstufen-Schüler, die nicht den konfessionellen Religionsunterricht besuchen, sollen in den Ethikunterricht müssen. Zitat: »Zwar sei es Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer aller Gegenstände, die ethisch-religiös-philosophische Bildungsdimension zu berücksichtigen. Aber gerade die Schülerinnen und Schüler dieser Altersstufe bräuchten tiefer gehende Informationen sowie Formen der reflektierenden Auseinandersetzung mit ethischen Werten sowie deren weltanschaulichen bzw. religiösen Begründungen.«

„Kindern mangelt es an Werten“

Immerhin, so die Befürworter, mangele es den Kindern an »Werten«. Oder wie es Edith Riether vom Weltethos auf den Punkt bringt: »Wenn die Konfessionslosen aus lauter Angst, es könnte ein Hauch von Religion in den Ethikunterricht eindringen, die Augen davor verschließen, dass die verbale und körperliche Gewalt in den Schulen enorm zugenommen hat, dass das Mobbing SchülerInnen fast bis zum Selbstmord treibt, dass 50 % der Jugendlichen keine Orientierung mehr haben und nicht wissen, wie sie sich in einer mehr oder minder zivilisierten Gesellschaft verhalten sollen, dann zweifle ich am gesellschaftspolitischen Verantwortungsbewusstsein dieser Leute, die in ihrem blinden Hass gegen alles Religiöse auch nicht besser sind als religiöse Fanatiker!«

Empirische Belege für diese Behauptung blieb sie bislang schuldig. Laut Unterrichtsministerium gibt es keine Daten, die in irgendeiner Form belegen würden, dass Gewalt an den Schulen vor allem von Schülern ausginge, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Auch von einer enormen Zunahme der Gewalt an Schulen ist nicht die Rede. Erich Eder von den AgnostikerInnen und AtheistInnen für ein säkulares Österreich kann der Argumentation, dass Kindern ohne Religionsunterricht Ethik fehle, wenig abgewinnen. »Wertvorstellungen und ethisches Verhalten werden vom Elternhaus vorgelebt und weitergegeben, nicht von der irrationalen Vorstellung eines alles überwachenden Geistwesens, das alle „Bösen“ in die ewige Verdammnis schickt. Bewusst atheistisch lebende Eltern haben sich oft wesentlich gründlicher mit ethischen Grundsatzfragen auseinandergesetzt und leben diese besser vor als die vielen unkritischen „Taufscheinchristen”.«

Philosophen skeptisch

Auch unter Philosophen scheinen die jüngsten Aktivitäten der Ethikunterricht-Befürworter auf Skepsis zu stoßen. Mit Ausnahme von Kampits, der auch Zusatzausbildungen für Ethiklehrer organisiert, hat sich bisher niemand für einen verpflichtenden Ethikunterricht nur für jene Kinder ausgesprochen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen. Auf entsprechende Fragen des ORF antwortet etwa Konrad Paul Liessmann: »Hier entsteht der Eindruck, dass Ethik etwas mit Religion zu tun habe. Das ist aber nicht der Fall«.

Ähnlich sieht es Philippe Lorre. »Gegen einen Ethikunterricht für alle hat niemand etwas. Wenn die Befürworterinnen schon sagen, dass philosophische Kenntnisse so wichtig sind für die Allgemeinbildung, frage ich mich, warum dann nur die in den Genuss der so wichtigen Bildung kommen sollen, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen.« Er und andere Kritiker sehen in der aktuellen Diskussion auch ein Ablenkungsmanöver. Es diene vor allem dazu, den konfessionellen Religionsunterricht zu legitimieren. Wenn behauptet würde, den Nicht-Teilnehmern würde etwas Wesentliches fehlen, hieße das im Umkehrschluss, dass ethische und philosophische Grundbildung im Religionsunterricht vermittelt würden. Außerdem würde ein verpflichtender Unterricht die Abmeldezahlen senken, die vor allem in den Oberstufen in den Städten in lichte Höhe schnellen können. Bis zu einem Drittel aller Schüler macht dort vom Recht Gebrauch, sich ohne Zustimmung der Eltern vom Religionsunterricht abzumelden. Ethikstunden nach der regulären Schulzeit, noch dazu vielleicht mit echten Prüfungen mit echten Noten im Gegensatz zum Religionsunterricht würde vermutlich einige abschrecken. Und dann geht es um die Frage, wer den Unterricht halten darf. »Ich möchte als Konfessionsfreier nicht, dass mein Sohn von einer katholischen Theologin in Ethik unterrichtet wird«, sagt Lorre. »Die Befürworter nennen das rassistisch, aber für sich selber nehmen sie in Anspruch, dass nur Katholiken oder Evangelische den jeweiligen Religionsunterricht halten dürfen. Dort wo es angeblich um Ethik geht, wird die elementarste Ethik regelrecht mit Füßen getreten, zusammen mit den demokratischen Prinzipien und Grundrechten.«

Religionen und Politik ignorieren Konfessionsfreie – noch

Auch, dass mit Ausnahme der evangelischen Kirche die Befürworter des Ethikunterrichts nicht einmal mit den Vertretern der Konfessionsfreien reden wollen, stößt auf Unverständnis. »Religionsvertreter wollen bestimmen, was mit den Kindern der Konfessionsfreien passiert. Wir werden systematisch mundtot gemacht. Das ist wie im Mittelalter«, sagt Lorre.

Das letzte Wort in der Causa ist nicht gesprochen. Um einen verpflichtenden Ethikunterricht einzuführen, bräuchte es einen Parlamentsbeschluss. Der soll nach einer Enquete erfolgen – und die wird seit längerem immer wieder verschoben. Wobei offen bleibt, ob die Konfessionsfreien wenigstens von der Politik gehört werden. Einschlägige Antworten fielen bisher wenig ermutigend aus. Fraglich ist, ob der kürzliche Empfang bei Bundespräsident Heinz Fischer etwas an der Situation ändern wird. Der steht für Diskussionen zur Verfügung. Bei der Besetzung der Enquete hat er nichts mitzureden.

Christoph Baumgarten

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